"Wäre der Augenblick doch schon da, der uns vereint!", seufzt Rosina. Die schmachtende Schöne spricht damit am Dienstag nicht nur mitfühlenden Gemütern im Saal aus dem Herzen. Wie viel Zeit ist nun schon vergangen, seit sich die Grazie aus den Klauen des ältlichen Bartolo zu befreien sucht? Gefühltermaßen mehr als die bereits abgesessenen zwei Stunden: Die Premiere der Verkleidungsposse "Il barbiere di Siviglia" an der Staatsoper leidet an einer zähen Szenerie - und gerät zur eher schalen Scharade.

Das überrascht umso mehr, als die Regie von Herbert Fritsch stammt. Der Deutsche gilt als Kapazunder einer körperbetonten Komödiantik, erfreut sich seit seinem Nonsens-Theatererfolg "Murmel Murmel" einer regen Auftragslage und hat auch schon Opernabende mit dem skurrilen Fritsch-Faktor aufgepeppt. Was liegt da auf den ersten Blick näher, als ihn mit dem Erzkomödianten Gioachino Rossini zu verkuppeln, jenem Komponisten, der Fritsch "quasi aus dem Herzen singt", wie er im Programmheft schwärmt?

Gut: Anfangs treten Fritschs Handlungsträger, mit Zirkus-Reifrock oder Brokatjacke angetan (Victoria Behr), auch noch beherzt aufs Slapstick-Gas. Wenn Graf Almaviva auf Schürzenjagd ein Versteck sucht, legt er schlicht die Hände vor die Augen und erreicht solcherart die erwünschte Unsichtbarkeit; wenn Haushälterin Berta die Bühne entert, setzt es einen kräftigen Nieser, und Basilio erweist sich nicht nur durch sein Zirkusgrinsen als verhaltensauffällig, sondern auch durch einen Perückenzopf, den er über dem Kopf rotieren lässt. Und dann ist da noch eine Pantomimin, nämlich Ruth Brauer-Kvam, die mal knickst, mal tanzt oder bloß über die Bühne wieselt: Turbulenz ist Trumpf.

Mit der Zeit sorgt aber fast nur noch Brauer-Kvam für Bewegung - und jenes Bühnenbild, das Fritsch aus riesigen Farbflächen gefertigt hat. Die schweben ruckartig vor und zurück, steigen auf und ab und erinnern dabei mitunter an einen überdimensionalen Duschvorhang. Nach der Pause steigert sich dieses Geschiebe zur manischen Betriebsamkeit. Kurios: Während sich die Darsteller mehr und mehr auf einen Dienst an der Rampe zurückziehen, ist die bunte Plattentektonik nun fast allein für das bewegte Blickfutter zuständig.

Der "Barbier" als irrwitzige Klamotte: an sich, warum nicht? Doch wo ein solcher Ansatz seinen Drive verliert, hat er ausgespielt. Und dieses Risiko ist nun einmal gewaltig: Rossinis Gesangspartien verlangen ein Ausmaß an Gurgel-Akrobatik, das sich kaum mit den Anforderungen eines überdrehten Körpertheaters vereinbaren lässt.

Noblesse und Grobheiten

Welche Tücken diese Koloraturen bergen, ist selbst dem Star des Abends anzuhören: Juan Diego Flórez (Almaviva) gestaltet seine Balzgesänge viril und grazil, klingt als Vermittler eiliger Koloraturen aber mitunter gepresst. Étienne Dupuis (Figaro) führt einen wuchtigen Bariton ins Treffen, neigt jedoch (allzu) oft zu einer Kraftmeierei, die auch der geräumige Bass von Ildar Abdrazakov (Basilio) nicht ganz meidet. Neben dem soliden Paolo Bordogna (Bartolo) sowie dem präzisen Chor das Glanzlicht des Abends: Die Russin Vasilisa Berzhanskaya mit ihren zierlich-zirpenden, aber auch energieprallen Tönen und dem noblem Diven-Timbre.

Und das Orchester? Michele Mariotti stuft die Lautstärken sorgsam ab, müht sich um Rücknahme, erzielt damit letztlich aber nur einen Bruchteil der gewünschten, tönenden Champagnerwirkung. Am Ende Bravorufe, gespickt mit einigen Buhs und ein letztes, allerletztes Mal der Gag mit dem rotierenden Zopf.