Wie erträgt man Dinge, die "unter die Haut gehen"? Wie viel dickes Fell braucht man, um sich als junger Mensch behaupten zu können, und wann ist man eigentlich man selbst? Fragen wie diese stellt Dschungel Wien, Theaterhaus für junges Publikum, im Rahmen seines dreiteiligen Festivals SKIN, dessen zahlreiche Projekte sich alle um die Schwerpunkte Migration, Geschlechteridentitäten und Feminismus drehen.

Der erste Teil des Festivalreigens, "Migration: Our way to diversity", wurde nun mit einer Doppelpremiere eingeläutet: der Soloperformance "Hijab offline" der aus dem Iran stammenden Schauspielerin Shahrzad Nazarpour und dem Tanztheaterstück "Kalaschnikow - Mon amour" mit sechs aus Afghanistan stammenden jungen Männern. Beide Stücke kreisen um Identitätsfragen, die junge Erwachsene in Herkunftsländern wie dem Iran und Afghanistan betreffen, und so geht es da wie dort um Zwang und Selbstbehauptung, Befreiungsversuche und deren Scheitern.

Im Falle von Nazarpours Soloperformance geschieht dies mit einigem Augenzwinkern, im Falle der choreografischen Auseinandersetzung mit Männlichkeitssymbolen im Kontext traumatischer Kriegs- und Fluchterfahrungen verdichtet sich der Abend mehr und mehr zu einem schmerzhaften, bei aller Trauerarbeit aber auch lebensbejahenden Tanz zwischen den Welten.

Die heute 23-jährige Performerin Nazarpour lebt seit einigen Jahren in Wien. Ihre ersten Theatererfahrungen machte sie jedoch schon ab zehn, begleitet von einer Erfahrung, die sich durch fast alle ihre folgenden Auftritte im Iran zog: den Verlust ihres Hijabs. Das panische Suchen nach dem Kopftuch, noch dazu vor Publikum, die daraus sich entwickelnde Angst, es wieder und wieder vor den Augen der anderen zu verlieren, und die wachsende Gewissheit, dass sie einen Ort finden muss, um den Schleier ablegen zu können, stehen im Mittelpunkt der humorvollen und doch unter die Haut gehenden autobiografischen Aufarbeitung über den eigenen und den fremden Blick auf muslimische Frauen.

Spielen und Kämpfen

Wesentlich schmerzhaftere Momente liefert im zweiten Teil des Eröffnungsabends die sich "zwischen Traum und Trauma" bewegende Choreografie "Kalaschnikow - Mon amour" von Dschungel-Intendantin Corinne Eckenstein. Ausgangspunkt war die Frage, warum sich so viele Jugendliche weltweit eine Kalaschnikow auf ihre Körper tätowieren lassen.

Erzählt wird in klassischen Tanztheaterbildern vom Spielen und Kämpfen, von Gemeinschaft und Momenten der Einsamkeit, von Enge und Flucht. Die überdicht aneinandergereihten choreografierten Bilder machen deutlich, wie ruhelos Fluchterfahrungen einen auch dann noch lassen, wenn sie, vordergründig, als abgeschlossen gelten. Abgeschlossen sind die Erinnerungen so wenig wie die Asylverfahren. Und selbst wenn Letztere es sind, bleiben Diskriminierung und Klischees, mit denen die hochdynamische, atemlose Choreografie bis zum letzten ikonografischen Bild arbeitet. Das Performancefestival SKIN läuft bis März 2022.