Zwei gigantische weiße Hände begrenzen die Bühne. Sind sie in Verzweiflung in die Höhe gestreckt? Passen würde es. Eins ist zumindest klar: Wenn sie die Assoziation erwecken sollen, dass sie hier irgendjemanden aus seinem Elend auffangen können, dann kann man schon klar sagen: Können sie nicht. Zwischen diesen Händen ist das erste Bild von Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" im Volkstheater dasselbe wie das letzte Bild. Eine Frau mit Babybündel in der Hand steht allein im Nebel. Der Unterschied ist nur die Farbe ihres Kleids: Zu Beginn ist es weiß - da hat sie noch Hoffnung. Am Ende ist es schwarz.

Hauptmanns Drama "Einsame Menschen" von 1890 erzählt die Geschichte des jungen Paares Johannes und Käthe, eben ist das erste Kind geboren. Johannes ist in seiner wissenschaftlichen (Parallel-)Welt gefangen und kann intellektuell mit seiner Frau wenig anfangen. Da trifft es sich gut, dass mit Anna Mahr eine akademisch interessante Besucherin, die sogar Epikur kennt, aufschlägt. Um die kümmert sich Johannes alsbald sehr intensiv. Interventionen von seiner Mutter und seinem Freund, dem Maler Braun, helfen herzlich wenig. Käthe fühlt sich nicht nur zurückgesetzt, sondern auch kleingemacht und kann Johannes nicht einmal mehr die wichtigsten pragmatischen Entscheidungen abringen - die es braucht, um zum Beispiel nicht ganz ohne Geld dazustehen. Denn einen Job mit Verdienst hat Johannes nicht. Als Anna endlich doch abreist, geht auch Johannes.

Die Regie des Abends verantworten Jan Friedrich, Kay Voges und das Ensemble. Sie konzentrieren sich auf das Beziehungsdrama und finden einfache, aber eindringliche Bilder dafür: Während alle anderen im trostlosen Schwarz/Weiß auftreten, trägt Anna exaltiertes Gelb. Wenn sich Johannes und Anna angeregt bis erregt miteinander unterhalten, steht Käthe zunehmend zombiehaft daneben. Als Soundtrack spielen die Beatles "Eleanor Rigby": "All the lonely people". Bei Szenenübergängen wird das Bühnenbild durch Lichteffekte zu einer flackernden verwischten Bleistiftskizze. Manchmal kommen cartoonhafte Szenen wie aus dem Hinterhalt.

Lächerlicher Egoismus

Nick Romeo Reimann spielt Johannes als nachgerade lächerlichen Egoisten. Der seiner Frau vorjammert, dass seine Nerven ja auch keine Schiffstaue sein. Und ihr vorschwärmt, wie viel Käthe von ihrer Rivalin Anna lernen könnte. Anna Rieser gibt die verschmähte Ehefrau als Hascherl, das sich selbst für einen minimalen Wutausbruch - mit dem sie nur Annas vorhergehenden überspannten Abgang imitiert - kleinlaut entschuldigen muss. Gitte Reppin schwebt als Anna, man würde sie heute einen "Family Wrecker" nennen, völlig unbeschadet durch die Scherben, die sie mitverursacht. Anke Zillich ist als Mutter anfangs komödiantisch-schwelgerisch, durchschaut aber bald die zerstörerischen Kräfte. Dass sie nichts ausrichten kann, nimmt ihr sogar die Stimmkraft. Daran hapert es Claudio Gatzke (Maler Braun) nicht, er könnte aber wortdeutlicher sein. Durch die Konzentration auf die Dreiecksgeschichte bleibt ihm freilich auch wenig Ausdrucksraum. Priesterlich legt Stefan Suske den auch am Sohn abprallenden Vater an.

Einige sehr heutige Ansätze holt diese Inszenierung ins buchstäbliche Blitzlicht: Etwa Frauen, die sich beim Selbstermächtigen gegenseitig im Weg stehen, oder die Anforderung, immer eine Wut im Bauch zu haben, die Braun stellt. Am Ende kämpft Käthe im Bühnennebel ganz körperlich noch einmal um ihren Mann, aber es ist kein sehr überzeugender Kampf. Freiheit ist auch ein großes Thema dieses Stücks. Manchmal muss man sich eben auch von jemandem befreien - ob das nun zufrieden macht, bleibt nicht einmal mehr dahingestellt.