Als würde sie versuchen die Fassung zu bewahren, stakst Claudine Schoch an einem Fuß einen Spitzenschuh, am anderen barfuß über die Bühne. Stolz und zu gleich fragil in einem asymmetrischen schwarzen Kleid mit hautfarbenen großflächigen Aussparungen. "Ihr habt nun Traurigkeit" tönt es aus dem Chor, der rechts und links in Logen und über dem Orchestergraben positioniert ist. Das eventuell Humorige an dieser äußerst ungewöhnlichen Staks-Szene erstickt in Brahms Text zum fünften Satz "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet". Das ruft bei manch einem Erinnerungen hervor. Aber nur kurzfristig, denn Musik und Tanz holen den Schwelger schnell ins Heute zurück. Choreograf und Staatsballett-Chef Martin Schläpfer setzt in seiner Neufassung von "Ein deutsches Requiem", die am Donnerstag in der Volksoper Premiere hatte, gekonnt auf das emotionale Spiel zwischen Tanz, Text und Musik. Aber weit entfernt von einem sakralen Totentanz. Brahms schrieb diese Messe 1869 eben nicht für die Toten, sondern als Werk für die Hinterbliebenen und ihre Trauerarbeit.

Keine Predigt

Vor der Staks-Szene, nämlich im vierten Satz, füllt Ketevan Papava zu Beginn einfach nur stehend aufgrund ihrer Präsenz die Bühne. Im folgenden Duett mit Marco Menha fließen die Bewegungen ineinander. In der Psalmvertonung "Wie lieblich sind deine Wohnungen" wird tänzerisch nicht gepredigt, sondern die beiden zeigen das Miteinander eines Paares.

Ein darstellerisches Highlight des Abends wie sicherlich auch Davide Dato, der mit scheinbar ungebremster Energie über die Bühne fegt. Und auch hier sitzt jede Bewegung in voller Perfektion. Eine Perfektion, die für Schläpfers Ensemble-Szenen neu zu definieren ist: Hier ist beispielsweise nicht jeder Arm oder jedes Bein gleich hoch gehoben, oder die Kopfbewegungen haben nicht den gleichen Winkel, lediglich die selbe Richtung. Was in Inszenierungen des klassischen Balletts ein absolutes No-Go ist, kann man bei Schläpfer als choreografische Handschrift sehen. Damit lässt er selbst den Corps-de-ballet-Mitgliedern in kleinem Rahmen eine Bewegungsfreiheit, die einmal mehr jeden Einzelnen zum Individuum erklärt. Zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig, doch Schläpfer löst diese Szenen nach kurzer Dauer raffiniert in etwa einen Bewegungskanon auf. Barfüßige Schrittsequenzen, die manchmal dermaßen konträr zu den Erwartungen gesetzt sind, dass sie einen zum Staunen bringen.

Schläpfer vermittelt Bilder und Stimmungen, ein Oben und Unten, Leichtigkeit und Schwere, ohne dabei die Wucht und Kraft der Musik anzukämpfen. Es ist ein wütender, resignierender oder auch schmeichelnder Kampf gegen den Tod, manchmal aber auch ein Fest. Schläpfer zeigt Zustände und Situationen auf, Antworten gibt er keine. Das möchte er auch nicht. Wenn Pathos die Musik erfasst, zieht sich Schläpfer zurück, seine Tänzer sitzen dann mit dem Rücken zum Publikum. Vielleicht resignierend vor dem Unausweichlichen. Manche krallen sich an die Hoffnung, manche sind unentschlossen, was sie glauben wollen und ander wiederum interessiert es gar nicht: Die von der Decke hängenden Seile zeigen die Vielzahl der möglichen Antworten.