"Ehrlichkeit ist ein seltenes Gut in dieser Stadt", heißt es einmal in "The Parisian Woman". Diese Stadt ist Washington und dass das so ist, weiß man spätestens aus der Polit-Intrigenserie "House of Cards". Die wurde auch von Beau Willimon konzipiert und sie ist ihm ungleich besser gelungen als sein Stück, das am Samstag in den Wiener Kammerspielen österreichische Erstaufführung in der Regie von Michael Gampe feierte.

Auf den ersten Blick besehen, geht es freilich in beiden um dasselbe: Macht und wie man sie einsetzt, um sie zu vermehren. Tom (passend passiv: Herbert Föttinger) möchte die freie Stelle im Bundesberufungsgericht ergattern. Dafür muss er vom Präsidenten dafür nominiert werden. Seine Frau Chloe will ihm dabei helfen und ist als talentierte Manipulatorin zu allerlei dafür bereit. Eine Rolle in ihrem Marionettengefüge spielt die eben zur Chefin der Zentralbank gewählte Jeanette (geschmeidig unter betonharter Frisur: Susa Meyer) und deren Tochter Rebecca (nur als ehrgeiziges Polit-Eislaufkind überzeugend: Katharina Klar) und Peter (zeigt Risse in der Macher-Teflonschicht: Michael Dangl), der Geschäftsmann mit den guten Kontakten. Das beste an der Handlung des Stücks sind die Wendungen, daher sei nicht zu viel davon preisgegeben.

Erntezeit für Gefälligkeiten

Tom ist ein erfolgreicher Steueranwalt, der "schon vielen von denen den Arsch gerettet hat" - er meint die Republikaner - und nun findet, dass es Erntezeit für Gefälligkeiten ist. Er sieht dieses "Window of Opportunity" gerade in der Trump-Administration, denn wenn man es bei diesem Präsidenten als Nicht-wirklich-Qualifizierter nicht in so eine Position schafft, dann wird man es nie schaffen. Aber nicht etwa, weil es kommod ist, einen machtvollen Job auf Lebenszeit zu haben, sondern weil er die Trump-Republikaner sozusagen mit Gegenpolitik infiltrieren will. Seine Frau Chloe ist die titelgebende "Parisian Woman", nicht weil sie tatsächlich Französin wäre, sondern weil sie in ihrer Jugend eine heiße Affäre in Paris hatte, von der ihr eine Tätowierung geblieben ist - ein Baguette. Ob das überhaupt stimmt, ist fraglich, denn Chloes Verhältnis zur Wahrheit ist immer abhängig von dem, was sie von wem will.

Würde sich das Stück mehr auf diese knallharte Ergebnisorientierung konzentrieren, hätte es mehr Mut zur Gemeinheit, dann hätte es gewonnen. So ist es beladen mit banalen Weisheiten über politische Karrieren ("Scheiß auf Fairness") und gehaltlosen Aufrufen, sich Zeit für die Jugend zu nehmen, bevor der Ernst des Politlebens beginnt. Es kann sich nicht entscheiden zwischen Komödie und Krimi. Aber vor allem der hehre Unterbau von Toms Aufstiegswunsch, diese moralische Rechtfertigung für Chloes Vorgehen, schwächt dieses Drama. Es mag daran liegen, dass Willimon es nach der Wahl Trumps auf die damals bestehenden Verhältnisse angepasst hat. Ein paar Wahrheiten hat das Stück doch zu bieten. So sagt Chloe zu Rebecca, sie soll ihren Weg an die Spitze des Staates konsequent weitergehen, denn ihre Generation an Frauen konnte dies nicht, sie "stand nur daneben". Maria Köstlinger spielt die Frau, die es für ihren Mann richtet, mit grausamer Finesse, daher würde man ihr wünschen, dass diese Rolle der Chloe nicht einfach nur ein Abziehbild ist: Denn ja, sie zieht die Strippen, aber so wie Männer das gerne sehen: vom Bett aus.