Es gab Zeiten, da spaltete Christoph Willibald Gluck die Öffentlichkeit ähnlich wie heute die Corona-Impfung: Der Mann wollte um 1760 nicht weniger als das Musiktheater reformieren und verfolgte dieses Ziel auch in seinen Pariser Opernjahren. Weg von den kapriziösen Koloraturgesängen, hin zu einem puren Drama: Das brachte dem Vorklassiker einigen Zores mit den Freunden der italienischen Oper ein.

Der Zorn ist längst verraucht, der Ruhm aber auch verschwunden: Heute hält sich Gluck bloß noch mit "Orphée et Eurydice" im Repertoire, und das wohl auch nur aufgrund des veritablen Hits des Abends. "Che farò senza Euridice?": Diese Totenklage, zart und schlicht, entfaltet ihre steinerweichende Kraft bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Um Glucks anderweitige Vorzüge zu erhellen, bräuchte er allerdings profunde Advokaten.

Am Samstag hat die Kammeroper nun diesen "Orphée" auf die Bühne gestellt, doch ohne Herz für den Tonsetzer. Die Musik ist auf 90 Minuten zusammengestrichen worden, das Orchester auf ein Knochengerüst ausgedünnt. Diese Besetzung hemmt nicht nur die Sinnlichkeit, sie steht ihr geradezu entgegen: So dünn, wie das Bach Consort Wien unter der (achtbaren) Leitung von Raphael Schluesselberg fiedelt, sticht jeder Patzer der Streicher markant ins Ohr, und es sind ihrer leider eine Menge.

Plumpe Aktualisierung

Regisseur Philipp M. Krenn hat sich vor allem den Kopf zerbrochen, wie sich die Geschichte der Gegenwart einverleiben lässt. Die Lösung: ein Krankenhaus-Drama. Wir sehen also ein Ärzte-Team, das die sieche Eurydice von den Geräten abstöpselt, während ihr Partner mit der roten E-Gitarre (ist gleich heutiger Künstler) betrübt dreinschaut. Prägnant immerhin: Orpheus, wegen seiner hohen Töne traditionell weiblich besetzt, ist an diesem Abend nicht männlich kostümiert, sondern lässt offen frauliche Züge erkennen und tritt als eine Art Orphea auf, das Liebespaar ist damit lesbisch gepolt.

Es folgt ein Traumspiel in der Manier von Regisseur Claus Guth, doch unter dessen Niveau. Gut: Die Kammeroper besitzt weder eine Drehbühne noch den technischen Goldstandard der Salzburger Festspiele. Doch auch hier wären subtile Absichten vermittelbar. Es platzt also Frau Amor herein, um lustig auf dem Totenbett zu hüpfen (!) und Orphea von einem Hades-Ausflug zu überzeugen. Sodann wird es bemüht gruselig: Die Unterwelt wächst in Form von Ästen ins Bühnenbild hinein, dazu rascheln düstere Figuren (der prägnante Schönberg-Chor) bedrohlich mit Packpapier. Und zuletzt? Ordnet Frau Amor an, dass Orphea und Eurydice für immer zusammenbleiben dürfen. Doch die Videobilder während des Finales verraten: Alles nur eine Trostfantasie der Hinterbliebenen. Immerhin: Sofia Vinnik verleiht der Titelrolle einen fülligen Mezzo und überzeugt in temperamentvollen Momenten, Ekaterina Protsenko (Eurydice) gestaltet ihre Legatobögen sauber und Miriam Kutrowatz (Amor) imponiert mit ihren knackigen Crescendi. Und außerdem: Für einen mediokren Opernabend sind 90 Minuten keine Ewigkeit.