Es sind 20 Jahre vergangen, seit das Tanzquartier Wien für die heimische zeitgenössische Tanzszene eröffnete. Ab 8. Oktober feiert nun das Tanzquartier in dem Themenschwerpunkt "Past/Present/Future" sein Jubiläum. Intendantin Bettina Kogler spricht mit der "Wiener Zeitung" über die schwierigen Anfänge, die Bedeutung dieser Institution für die Szene, den typischen Besucher und ihren Umgang mit der Konkurrenz der Veranstalter.

"Wiener Zeitung": Sie sind seit 2018 Intendantin des Tanzquartiers Wien. Davor bei Imagetanz, Kuratorin im brut, im WUK, der Sommerszene Salzburg oder auch Performancekuratorin beim Donaufestival. Was hat sich Ihrer Einschätzung nach in den letzten 20 Jahren am Tanzquartier verändert?

Bettina Kogler: Schon allein die Gründung des Tanzquartiers hat einen großen Effekt auf die Szene im Sinne einer Professionalisierung und Internationalisierung hervorgebracht. Ich möchte hier betonen, dass die Gründung und das Konzept auf der Initiative der Wiener Choreografinnen und Choreografen basiert. Sie haben vehement mit sehr langem Atem dafür gekämpft. Darunter waren Nikolaus Selimov, Sprecher der Gruppe, Daniel Aschwanden, Bert Gstettner, Sebastian Prant, Liz King und viele mehr. Sie haben miteinander sowie mit der Stadt Wien verhandelt und die Eckpfeiler dieses Hauses aufgestellt: Proben, Residencies, Aufführungen, Labor- und Forschungsbereich mit Bibliothek sowie Mediathek, Training und Workshopbereich. Alles das hat diese Gruppe konzipiert. Man hat oft den Eindruck, die Gründungsintendantin Sigrid Gareis hätte dieses Konzept entwickelt.

Gareis wurde von der heimischen Szene stark kritisiert.

Man muss bedenken, dass jene Künstler, die das Konzept des Hauses erarbeitet haben, dann keine Aufführungsmöglichkeiten bekommen haben - mit wenigen Ausnahmen. Das ist sehr, sehr bitter. Es war damals auch wichtig, den zeitgenössischen Tanz nicht irgendwo in der Peripherie - heute denkt man kulturpolitisch und architektonisch wieder anders - anzusiedeln, sondern zentral. Eine Tanzinstitution wie diese ist noch nicht überall gang und gäbe. In Berlin etwa will man jetzt ein Tanzhaus gründen, in Wien wurde dies schon vor 20 Jahren geschafft. Die Stadt hat sich damals entschieden, dass sie nicht die Künstler diese Institution leiten lassen will, sondern man wollte eine Intendanz. International ist Gareis mit dem Tanzquartier sehr aufgefallen.

Kann das auch damit zu tun haben, dass Gareis die Säle füllen wollte und deshalb internationale Gäste einlud?

Ich würde eher das Gegenteil sagen. Eigentlich kann man mit den lokalen Künstlern viel leichter die Säle füllen. Damals auch. Die Besucherzahlen sind langsam gewachsen. In einem Haus kann man mit dem internationalen Programm unterm Jahr nie dieses Fieber produzieren, wie bei Festivals. Wenn man sich die ersten Statistiken anschaut, wären diese Zahlen heute nicht sehr erfreulich. Wir haben jetzt in meiner Intendanz mehr als 90 Prozent Auslastung. Im letzten Halbjahr vor der Corona-Krise hatten wir eine Serie ausverkaufter Vorstellungen. Wir hatten so einen Drive, der durch Corona unterbrochen wurde. Das ist bedauerlich.

Haben sie ein Bild des typischen Tanzquartier-Besuchers?

Der typische Zuschauer ist vielfältig. Eine Besucheranalyse hat gezeigt, dass es viel junge aber auch ältere Interessierte gibt. Ich bin vor der Pandemie einmal im Foyer gestanden und konnte gar niemanden begrüßen, denn ich kannte keinen der Zuseher. Das war eigentlich ein tolles Gefühl.

Weshalb ist das Tanzquartier für Wien von Bedeutung?

Wir sind in dieser Szene das größte und finanziell stärkste Ko-Produktionshaus. Wir haben vielfältige Ressourcen. Wir können von Anfang an in eine Produktion hineingehen, von der Konzeptentwicklung über den Probenprozess bis zur fertigen Arbeit. Am Haus kann sehr viel wachsen. Das unterscheidet das Tanzquartier vom Impulstanz-Festival. Sie müssen und können nur ernten, aber bei uns kann etwas entstehen. Beides ist schön.

Wir haben vorher von den internationalen Gastspielen gesprochen, und ich vermisse große Kompagnien wie DV8. Warum sieht man das nicht mehr?

Wir haben uns vorgenommen, dass die großen Stücke lokal entstehen müssen. Doris Uhlich und Florentina Holzinger sind Künstlerinnen mit denen ich von Anfang an gearbeitet habe, und die heute die große Halle E füllen. Und internationale Gruppen wie das Cullberg Ballet unter der Leitung von Jefta van Dinther zeigen wir auch.

Im Burg/Kasino wurde kürzlich ein Tanzstück gezeigt, die Festwochen und das Volkstheater haben den Tanz entdeckt. Ist das ein Zugewinn, oder kannibalisieren die Veranstalter einander?

Das Fernsehen hat auch nicht das Radio gefressen. Da muss man als Veranstalter in der Programmierung ein wenig nachjustieren und spezifischer arbeiten. Man muss dabei erkennen, dass etwa die Festwochen einen stärkeren Trumpf in der Hand haben, wenn es um große internationale Produktionen geht. Das ist eine Realität. Dass sich jetzt viele Veranstalter für Tanz interessieren, zeigt ja, wie lebendig dieses Genre ist. Starke Konkurrenz ist für alle eine Bereicherung.

Gibt es Tendenzen und starke choreografische Handschriften, die sich entwickelt haben?

Die Themen sind in diesen 20 Jahren mit der Zeit und der Gesellschaft mitgegangen. Konzepte zu den Stücken sind heute selbstverständlich. Das war nicht immer so. Erst die Theaterreform 2003, die sich nicht mehr an Tradition, sondern an Konzepten orientierte, war eine große Umstellung. Zurzeit findet man Themen wie Diversität, People of Color und auch die Frage, wie wir mit unserer Umwelt umgehen.

Was wünschen Sie dem Tanzquartier für die weiteren 20 Jahre?

Ich bin mir schon bewusst, dass wir aufgrund der Pandemie daran arbeiten müssen, neues Publikum zu erreichen und zu motivieren. Denn das Social-Distancing hat seine Arbeit getan. Ich wünsche mir, dass sich die Zuschauer aufgrund unserer Maßnahmen bei uns sicher fühlen und gerne wieder kommen.