Heimat - kaum ein Begriff hat in der jüngeren Zeit einen solchen Wandel erfahren. Spätestens seit die FPÖ als "soziale Heimatpartei" auftritt, ist er für die Bevölkerung links der Mitten eher negativ konnotiert. Stellt man ihn auch noch dem Wort Groschenroman voran, dann ist es endgültig darum geschehen, und zwar nicht deshalb, weil wir längst keine Groschen, sondern Cent haben.

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb versucht die deutsche Kabarettistin Saskia Kästner alias Schwester Cordula das Genre Heimatgroschenroman mit neuem Leben zu erfüllen. Nach Arzt- und Muttiromanen widmet sie sich nun also mit "Unsern Bub, den kriegst du net!" dem Heimatroman. Weil die heile Welt, die darin unweigerlich vorkommt, eine gewisse Faszination auf sie ausübt.

"Es hat immer ein Happy End nach 64 Seiten, aber gerade in den deutschen Heimatromanen ist der Weg dahin voller Mord, Familienfehden, Intrigen, Inzest, Fremdenangst", sagt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Und es spielt immer in Bayern und immer in den Bergen. Wahrscheinlich, weil man es auch immer mit Dirndl und Lederhose verbindet. Und es gibt natürlich ganz viel Kitsch. Aber eben auch viel Brutalität. Davon sind wir ausgegangen und zerpflücken diese Sehnsucht nach Mord und Totschlag mit einem Augenzwinkern."

Die heile Welt im Schwesternkittel

Zu erleben ist ihre Version von Heimatliteratur, die Versatzstücke aus hunderten Romanen mit eigenen Texten verbindet, am 16. Oktober in der Wiener Kulisse. Während Kästner in alle möglichen Rollen schlüpft, steuert ihr Bühnenpartner Dirk Rave die Musik dazu bei, von Georges Bizet bis Tina Turner. Eine Woche vorher frönen der Akkordeonist und die Schauspielerin im Salon Louise in Kritzendorf ihrer Liebe zu einem weiteren, artverwandten Genre: dem Arztroman.

Mit dem hat auch alles begonnen. Es war nämlich im Jahr 2003, da schlüpfte Kästner zum ersten Mal in den Schwesternkittel und verabreichte als Schwester Cordula bei einer Kunstaktion im Schaufenster der Galerie Kampl in München "Heile Welt aus Groschenromanen". Der Künstlername blieb ihr ebenso wie die - ja, es ist wohl schon eine gewisse - Liebe zu dieser speziellen Literatur, die sie nicht als Schund sehen will. "Das sind schon auch gute Autoren, die auf nur 64 Seiten eine ganze Geschichte aufbauen und durcherzählen, Figuren einführen und pflegen." Rave haben es vor allem die vielen schwülstigen Formulierungen angetan, "die zugleich schön und bescheuert sind". Es ist ein Raum, "in dem man einfach einmal im Kitsch schwelgen und sich auf Gefühle einlassen darf", wie Kästner sagt. Und seien wir ehrlich: Im Grunde will doch jeder ein bisschen Kitsch und Happy End.

Die Texte "zelebrieren, als wäre es Goethe"

Ob nun Ärzte oder Heimat - es ist ein gewisser Spagat, den Kästner und Rave versuchen. Sie ziehen das Genre durch den Kakao, wollen sich aber nicht bloß darüber lustig machen. Man müsse die Texte "zelebrieren, als wäre es Goethe", meint Rave, "dann entfalten sie ihre volle Wirkung." Und da kann es auch schon einmal passieren, dass Kästner selber "abdriftet und durchdreht". Denn: "Wenn man über seinen Schatten springt und sich auf eine völlig blöde Welt einlässt, die man sonst ablehnen würde, wird man schon ganz gut unterhalten." Rave ist "jedes Mal erschüttert über die Inbrunst, mit der sich Saskia über das Ableben der bösen, bösen Heidi freut". Und er streut ihr Rosen, indem er Kurt Tucholsky zitiert: "Es gibt drei Arten von Kabarett - politisches, erotisches und literarisches - und Saskia vereint sie alle drei in sich."

Moralisieren oder gar politisieren wollen sie nicht, jedenfalls nicht bewusst. "Es ist pure Unterhaltung. Aber manche Parallelen drängen sich automatisch auf", so Kästner. "Und hin und wieder holt uns auch die Realität ein. Ich glaube, sobald man sich mit dem menschlichen Zusammenleben beschäftigt, wird es ohnehin automatisch auch ein bisschen politisch." Kästner ist auch immer wieder überrascht, welche tiefgründigen gesellschaftlichen Diskussionen aus den Lesungen dieser scheinbar so seichten Texte entstehen.

Corona ist übrigens kein Thema, wenngleich immer auch Raum für Improvisationen ist: "Wer weiß, was da aus dem Publikum an Input kommt", meint die Schauspielerin.