Ausverkauft ist der Abend nicht, aber überraschend jung besucht: Erfrischend viele Unter-30-Gesichter am Mittwoch an der Staatsoper, am Ende ungewohnte Glücksbekundungen: "Wuu-huuu!" statt der gewohnten "Bravi". Noch bis Ende Oktober umwirbt das Haus den Nachwuchs mit einem Diskontpreis von 20 Euro; es hilft offenbar gegen die Corona-Lücken im Saal.

Umso älter ist das gespielte Stück, nämlich die fast 400-jährige "Incoronazione di Poppea". Verstaubt wirkt sie jedoch nicht: So wertungsfrei, wie Monteverdi die glückliche Liebesgeschichte der Scheusale Nero und Poppea erzählt, macht es heute den Eindruck eines kühnen Experiments. Gewöhnungsbedürftig die Regie von Choreograf Jan Lauwers: Der lässt Tänzer rund um die Sänger energische Gebärden und Tableaux vivants vollführen. Nicht immer erschließt sich, was diese Akrobatik mit dem Plot verbindet - es beschert aber Schwung.

Kate Lindsey, schon der Premieren-Nero dieser aus Salzburg übernommenen Produktion, beherrscht die Bühne wie ein böses Kind mit dem Lächeln eines Feuerteufels, mit edelherbem Mezzo und Tanzeinlagen nach Michael-Jackson-Muster. Slávka Zámečníková (Poppea) bespielt die Klaviatur der Verführung mit kühlen Glastönen und fülligen Forte-Momenten, Szilvia Vörös läuft als Ottavia zur Höchstform auf: Die Verzweiflungstöne dieser Verlassenen besitzen die zerschmetternde Kraft von Wurfgeschoßen. Dirigent Pablo Heras-Casado hält das gediegene Ensemble auf Trab und kostet mit dem Concentus Musicus die schnittigen Tanzrhythmen aus, erfüllt außerdem die Rezitative mit sinnlichen Klangfarben. Zuletzt also ein berechtigtes "Wuu-huuu!".