Stell dir vor, eine Epidemie geht um und der Tourismus breitet den Mantel des Schweigens darüber. Kennt man aus Tirol, war aber auch schon in Benjamin Brittens letzter Oper Thema. "Death in Venice" zeichnet, auf den Spuren von Thomas Manns Novelle, ein morbides Stadtbild: Der Literat Aschenbach ist zur Kur von einer Schreibhemmung angereist, verrennt sich aber bald in einem Labyrinth aus Angstträumen und Sehnsüchten. Händler, Gaukler und eine Cholera-Epidemie schrecken ihn, eine dunkle Begierde lockt. Aschenbach hat sich verliebt, und zwar in einen Knaben. Hier hat Britten über einen Abgrund hinauskomponiert: Wie der alte Mann das Kind beim Spielen beobachtet und dabei in mythologisch verbrämten Fantasien schwelgt, ist schwer erträglich. Das Stück leidet aber auch an dramaturgischen Schwächen: Weil es lieber traumtrübe Ahnungen als eine Handlung schildert, wirkt es mitunter hohlräumig. Bleibt dafür Brittens Meisterschaft: Ein letztes Mal, wenn auch merklich ausgedünnt, führt er seine sinnlich geöffnete Tonalität vor und lässt dabei auch den Zauber der balinesischen Gamelan-Musik aufblitzen.

Die Neue Oper Wien hat das Problemstück im Museumsquartier entschärft: In der Regie von Christoph Zauner ist der Bub zum Jüngling gereift und misst sich am Strand in der Kunst des Breakdance (Rafael Lesage). Die Stege auf der Bühne (Christof Cremer) bilden bald die Liegefläche für Sonnenanbeter, bald ragen sie als Brücken über giftige Dämpfe; skurril gekleidete Venezianer tummeln sich im Rahmen einer detailfreudigen Personenregie.

Hut ab vor Protagonist Alexander Kaimbacher, der die noble Diktion einer Geistesgröße ebenso vermittelt wie den Albdruck innerer Zerrissenheit. Andreas Jankowitsch leiht den aufdringlichen Figuren rundum seinen beweglichen Bassbariton, der Countertenor Ray Chenez gestaltet die Fantasieauftritte des Gottes Apoll achtbar. Das schönste Dekor kommt vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und dem Wiener Kammerchor: Da, wo diese Musik eine farbige Pracht entfaltet, hebt sie unter Dirigent Walter Kobéra charismatisch ab.