Klaviatur des Grauens: Zwei Pianisten, Tommy Hojsa und Josh Sneesby, hacken einzelne Töne in die Tasten, die immer tiefer werdenden Akkorde wollen einen geradewegs ins Unbehagen ziehen. Die musikalische Talfahrt ist durchaus angemessen, schließlich steht Edgar Allen Poes "Der Untergang des Hauses Usher" am Spielplan des Burgtheaters. No Time to Laugh.

Diese Anfangssequenz, eine quälend monotone Tonspur und absichtsvolle Provokation des Publikums, offenbart Fluch und Segen von Barbara Freys inszenatorischem Zugriff: Einerseits ist die Aufführung perfekt durchkomponiert, handwerklich stimmt hier einfach alles - die Musik: suggestiv-melancholisch, die Schauspieler: geisterhaft-artifiziell, das Licht: dramatisch wie im expressionistischen Stummfilm, das Bühnenbild: ein kunstvoll verkommener Ballsaal. Andererseits fragt man sich im Lauf der zweistündigen Etüden der Langsamkeit: Warum wird hier eigentlich mit so viel Sorgfalt an einer zwar grandiosen, doch unendlich öden Untergangsstimmung gefeilt? Was interessiert Regisseurin Barbara Frey eigentlich an Poes Erzählungen?

Höllenritt

Neben dem titelgebenden Meisterwerk "Der Untergang des Hauses Usher", das im Zentrum der Aufführung steht, verwendet die Schweizer Regisseurin noch Motive aus vier weiteren Erzählungen - "Berenice", "Das Feeneiland", "Die Grube und das Pendel" sowie "Die Morde in der Rue Morgue".

Was diese Texte des Erfinders des modernen Horrorgenres eint, sind mysteriöse, zum Teil geradezu bestialische Todesfälle, die Furcht, lebendig begraben zu werden, sowie eine albtraumhafte Atmosphäre. Der künstlerische Mehrwert diverser Fragmente aus Poes Erzählungen bleibt indes fraglich, bestenfalls sorgen sie für ein wenig Verwirrung. Im Grunde wird hier vornehmlich "Der Untergang des Hauses Ushers" mit aneinander gereihten Monologen nacherzählt: die Ankunft des Ich-Erzählers in dem gespenstischen Anwesen, die Überreiztheit und Geisteskrankheit von Roderick Usher und seiner Schwester, das ominöse Inzestverhältnis, bis hin zum Tod der Geschwister und dem Einsturz des verrotteten Gebäudes.

Inhaltlich liefern Poes Texte Höllenritte in menschliche Abgründe, szenisch passiert auf der Bühne des Burgtheaters indes herzlich wenig. Das sechsköpfige Ensemble formiert sich immer wieder neu und liefert Text ab. Freilich gibt es darunter gelungene Sequenzen, wie das groteske Duett von Katharina Lorenz und Jan Bülow, die sich als Inzestpaar annähern und abstoßen, und die kunstvolle Darbietung von Michael Maertens, doch über weite Strecken werden bloß Textmassen gleichförmig vorgetragen, was zunehmend lähmend wirkt. Annamária Lang spricht ihren Part auf Ungarisch und Stacyian Jackson auf Englisch (mit deutschen Übertitel), wozu das allerdings gut sein soll, bleibt offen. Die Mehrsprachigkeit ist weder inhaltlich noch szenisch motiviert.

Die besten Momente hat die Aufführung, wenn sie eng mit der Musik interagiert - die Akteure bilden dann etwa einen Sprechchor oder singen sogar selbst, Jan Bülow tritt einmal als passabler Gitarrist auf, ein Akkordeonspieler drückt auf die Tränendrüse, auch die Stimmen des Ruhrkohle-Chors sind aufgezeichnet zu vernehmen; die Uraufführung fand diesen Sommer im Rahmen der Ruhrtriennale statt, Regisseurin Frey leitet das Theaterfestival in NRW.

Dem ambitionierten Unternehmen mangelt es gewiss nicht an szenischer Präzision. Doch was bleibt, abseits davon? Wenig.