Eine Geschichte randvoll mit "Aventiure" und "Tapfrigkeit" verspricht der Schauspieler Alexander Julian Meile am Beginn des Theaterabends, lässig haucht er den mittelhochdeutschen Epilog ins Mikrofon. Und "Aventiures" wird es geben, schließlich steht im Schauspielhaus Linz Friedrich Hebbels Trauerspiel "Die Nibelungen" auf dem Spielplan; das Heldenepos rund um Siegfried den Drachentöter und Kriemhilds blutige Rache.

Der Wormser Hof, Schauplatz der Tragödie, sieht in Linz mit beigem Ledersofa wie ein spießiges Wohnzimmer aus, darauf fläzt Theresa Palfi als Kriemhild, ihre Blondhaarperücke reicht bis zum Boden, heimlich pafft sie eine Zigarette. Ihre Brüder - Gunther (Markus Ransmayr), Giselher (Jakob Kajetan Hofbauer) und Gernot (Alexander Julian Meile) - wirken mit ihren streng gescheitelten blonden Perücken und strammen Anzügen wie die Führungselite der Identitären, Katharina Hofmann, die Mutter der Burgundersippe, ist so aufgedonnert, als wäre sie eine Wagner-Operndiva aus den 1950er Jahren, Alexander Hetterles Hunnenkönig Etzel könnte wiederum direkt aus einer Netflix-Serie wie "Vikings" stammen. In der Ausstattung (Bühne: Aurel Lenfert, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal) dominiert Eklektizismus. Auch Gilbert Handlers Musik wildert in verschiedenen Genres, nimmt gleichermaßen Anleihen bei Richard Wagner und der "Wacht am Rhein". Die Videofundstücke von Petra Zöpnek gehören mit zu den Höhepunkten der dreistündigen Aufführung, darunter Ausschnitte aus Fritz Langs epochalem "Nibelungen"-Stummfilm aus 1924 und Szenen aus einem Siegfried-Softporno aus den 1970er Jahren. Die stilistisch entfesselte Ausstattung hält Regisseurin Susanne Lietzow mit einem erstaunlich konventionellen inszenatorischen Zugriff im Zaum. Die stringente Dramenfassung wird mitunter allzu bieder auserzählt, was, wie beim finalen Gemetzel, zu Szenen mit fragwürdigem künstlerischem Mehrwert führt.

Am besten gelingen Lietzow jene Momente, in denen sie die Zügel loslässt und spielerisch mit der großen Heldendichtung umgeht. Geradezu beispielhaft glückt das bei der Darstellung von Siegfried. Christian Clauß verkörpert den Drachentöter als grandiosen Tölpel, hart wie Kruppstahl, aber dumm wie Brot. Mehr davon!