Man kennt das in pandemischen Zeiten: ein Corona-Fall im Ensemble, es muss rasch umbesetzt werden. Die Einspringer werden zumeist gefeiert, haben sie doch Mut bewiesen und eine Vorstellung vor dem Ausfall bewahrt. An der Wiener Staatsoper galt der dankbare Erleichterungsjubel am Freitag nicht einem Solisten, sondern dem Staatsopernchor, der für den an sich vorgesehenen Slowakischen Philharmonischen Chor einspringen musste. Warum man das eigene Ensemble nicht generell eingeplant hatte, ist eine andere Frage. Außer Frage steht: Die Choristinnen und Choristen haben einen bemerkenswerten Abend vor der Absage bewahrt.

Asmik Grigorian gab als sich unglücklich verzehrende Tatjana ihr Hausdebüt. Ihr schlanker dramatischer Sopran ist wie ideal für diese Partie, auch wenn ihr die Fürstin interpretatorisch näher ist als das junge Mädchen. Bewährt an ihrer Seite Andrè Schuen als markanter wie präsenter Eugen Onegin, der den Fall vom arroganten Zyniker zum verzweifelt Liebenden sehr eindringlich zeichnete. Schuen war schon bei der Premiere der Produktion 2020 dabei, ebenso wie Anna Goryachova als stimmig quirlige Olga und Bogdan Volkov als idealistischer wie kraftvoller Lenski. Im Graben sorgte bewährterweise Tomás Hanus für eine stimmige Balance aus großen Bögen und packenden Details und zeichnete ein vielschichtiges Tschaikowski-Bild.

Neue Tatjana für Wien: Asmik Grigorian. - © Staatsoper / M. Pöhn
Neue Tatjana für Wien: Asmik Grigorian. - © Staatsoper / M. Pöhn

Nicht nur optischer Glanzpunkt des Abends ist jedoch nach wie vor die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, der die Szenen klug an einer langen Tafel ansiedelt. Die präzise wie selbstverständliche Musikalität, die feine und doch klare Personenführung, die subtil gezeichneten gesellschaftlichen Stimmungsbilder sind ein Glücksfall an zeitlos qualitätsvollem Musiktheater.