Mit dem "Bockerer" kann man nur gewinnen: Der titelgebende Fleischhauer aus der Paniglgasse, ein herzhafter Wiener Grantler, der sich mit der Macht des Wiener Schmähs gegen die Nazi-Übermacht stemmt, ist zumal in Wien ein garantierter Bühnenhit. Co-Autor Ulrich Becher bezeichnete das Stück einmal treffend als "schwejkartige Satire auf sieben Jahre Hitlerei in Österreich".

Mit dem "Bockerer" kann man nur verlieren. Kaum ein anderes Bühnenstück ist dermaßen verwoben mit einer Verfilmung und folglich schier untrennbar verbunden mit dem Schauspieler Karl Merkatz. Franz Antels Spielfilm-Tetralogie, herausgekommen in den Jahren 1981 bis 2003, erzählt ziemlich freihändig die Bühnenvorlage, die nach 1945 endet, bis zum Prager Frühling im Jahr 1969 weiter. In jeder Neu-Inszenierung muss sich die Titelfigur zunächst vom Film freispielen, ein eigenes Profil entwickeln, was enormes darstellerisches Können erfordert. In "Der Bockerer"-Inszenierung, die nun im Theater in der Josefstadt zu sehen ist, wird Johannes Krisch zur Ideal-Besetzung.

A Hetz: Johannes Krisch als Karl Bockerer. 
- © Astrid Knie

A Hetz: Johannes Krisch als Karl Bockerer.

- © Astrid Knie

Irrsinn der Diktatur

Der deutsche Autor Ulrich Becher und der Wiener Schauspieler Peter Preses verfassten "Der Bockerer" gemeinsam während ihres Exils in den USA. Der renitente Wiener dürfte dem Wunschdenken der Emigranten entsprungen sein, die Realität beschreibt wohl eher Qualtingers "Herr Karl" (1961). Nichtsdestotrotz sorgte "Der Bockerer" bei der Wiener Uraufführung im Jahr 1948 für Furore, um sogleich wieder in der Versenkung zu verschwinden, bis nach Michael Kehlmanns Verfilmung mit Fritz Muliar (1963), ausgerechnet der umstrittene Unterhaltungsfilmer Franz Antel eine Renaissance ermöglichte.

Nun also Stephan Müllers Inszenierung in der Josefstadt. Die Bühnenbearbeitung des Schweizer Regisseurs hält sich trotz einiger Straffungen im Wesentlichen an die Vorlage - eine Abfolge an holzschnittartigen Szenen, in denen Karl Bockerer die Logik der NS-Diktatur mit widerborstigem Witz torpediert. Es bleibt etwas fragwürdig, ob die Mär vom goldenen Wiener Herzen heutzutage noch so ungebrochen erzählt werden kann. Auch die Inszenierung, gediegenes Stadttheater-Handwerk, wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Der Trumpf der knapp dreistündigen Aufführung ist indes fraglos Johannes Krisch. Wie der ehemalige Burg-Schauspieler die Titelfigur verkörpert, geht einem ans Herz. Krisch steht als Bockerer den Ereignissen seit der Machtübernahme der Nazis zunehmend fassungslos gegenüber, allein das Aufhängen einer NS-Fahne wird zur Demonstration von Macht und Ohnmacht. Kleine Gesten entfalten hier große Wirkung, all das erzählt viel über den Wahnsinn eines Alltags in einer Diktatur.

Herbe Schläge

Krisch, am Zenit seines Könnens, porträtiert überzeugend eine Bühnenfigur im Ausnahmezustand, ein sympathischer Rappelkopf, der von seinen Emotionen überrollt wird. Schließlich muss Karl Bockerer im Lauf der Handlung herbe Schläge einstecken: Sein jüdischer Tarot-Partner ist vor den Nazis auf der Flucht, ein Freund wird ins KZ-Dachau deportiert und ermordet, er selbst wird im Gestapo-Hauptquartier befragt, während seine Frau und auch sein Sohn zu überzeugten NS-Anhängern werden.

Aus dem 14-köpfigen Ensemble ragt Martin Zauner in Mehrfachrollen als ebenbürtiger Spielpartner hervor, vor allem Zauners gewitzte Hitler-Parodie gerät am Ende der Inszenierung zu einem fein abgestimmten Pas-de-deux der Akteure.

"Der Bockerer" ist ein Fest für Johannes Krisch, das Premierenpublikum dankte es ihm mit minutenlangen Standing Ovations. Was für ein Theatermoment!