Dass sein Leben auf der Kippe steht, ist von Beginn an klar: Das Bett, das den schlummernden Peter Grimes beherbergt, ragt über den Bühnenrand hinaus und balanciert über den Köpfen des Orchesters. Es wirkt, als würde sich dieser Schläfer zumindest in seinen Träumen aus jenem engen Leben flüchten, das die karge Bühne von Johannes Leiacker absteckt. Drei hohe Wände, ein abschüssiger Boden und keine Tür in Sicht: Ein Sinnbild der Ausweglosigkeit, an welcher der Protagonist von Benjamin Brittens "Peter Grimes" (1945) leidet. Der Mann wird nicht nur wegen seiner Schroffheit in einem englischen Fischerdorf scheel beäugt; seit ihm zwei Lehrlinge unter rätselhaften Umständen gestorben sind, reißt das giftige Getuschel nicht ab.

Damit nicht genug, ist der bärbeißige Einzelgänger in der Regie von Christof Loy mit einem weiteren Problem befrachtet - nämlich mit einer Homosexualität, die er im bigotten Umfeld tunlichst zu verstecken hat. Eine offensichtliche Parallele zu Benjamin Britten (1913-1976), der seine Neigungen im homophoben Klima der Nachkriegszeit nie offen eingestand.

Jede Geste sitzt

So naheliegend der Regieansatz ist, so raffiniert hat ihn Loy inszeniert: In der atemlosen Spannung dieser drei Opernstunden, im Theater an der Wien bereits 2015 zu erleben, sitzt jede Geste punktgenau, ohne in Widerspruch mit dem Text zu geraten. Balstrode, Grimes’ einziger Fürsprecher, unterhält mit diesem offenbar eine Liebesbeziehung in Loys Deutung; entsprechend verschnupft reagiert er, als ihm Grimes von seinen Heiratsplänen mit der Lehrerin Ellen Orford und dem Traum von einer "soliden" Existenz erzählt. Die Ankunft des dritten Lehrlings lässt dann aber wieder die homosexuellen Energien im Protagonisten brodeln: Wie dieser Jüngling mit dem nassen T-Shirt und dem aufreizenden Blick in Grimes’ Hütte - rums! - sein Gepäck fallen lässt, ist ein effektvolles Fanal am Ende des ersten Akts.

Auch wenn der Abend auf üppige Schauwerte verzichtet - kein Hafen, kein Meeresglitzern, kein Pub weit und breit -, wird das Auge nicht unterfordert. Die Dorfgemeinde in den zeitlosen Kostümen von Judith Weihrauch wuselt entweder betriebsam durcheinander oder rottet sich zum gefährlichen Mob gegen den Außenseiter zusammen. Am beklemmendsten nach dem Tod des dritten Lehrlings. "Peter Grimes!": Wie das ganze Dorf den Namen erschallen lässt und mit suchenden Taschenlampen das Auge blendet, nimmt den Tod der Titelfigur markerschütternd vorweg.

Ein grandioser Seebär

Eric Cutler, eine Wucht-Erscheinung mit seinem Vollbart und dem weißen Unterhemd, ist vom Schopf bis zur Sohle der ideale Britten-Seebär: Mit roher Gewalt stößt er Feind und Freund von sich, findet aber auch zarte Gesten für seine Sehnsüchte, wie im Rahmen eines wortlosen Traumspiels mit dem hübschen Gehilfen (Choreografie: Thomas Wilhelm). Dazu besitzt Cutler einen Vollklang, der den Nöten eines Ausgestoßenen eruptive Kraft verleiht und auch lyrische Passagen in ein reiches Timbre hüllt. Beachtlich, wie fein der Tenor seine Kräfte abstuft und selbst gallige Zwischennoten aufblitzen lässt.

Exzellent auch das Ensemble: Keine Schwachstelle, vom abgründigen Fuhrmann (Lukas Jakobski) über die geifernde Mrs. Sedley (Rosalind Plowright) und die flehentliche Ellen Orford (Agneta Eichenholz) bis zu Balstrode (Andrew Foster-Williams), der auch einmal mit dem athletischen Lehrling (Tänzer Gieorgij Puchalski) schmust. Und das Orchester? Thomas Guggeis zielt am Pult des RSO Wien weniger auf die malerischen Klangfarben dieser Meisterpartitur ab als auf ihre rasenden Rhythmen und verleiht diesen, im Verbund mit dem imposanten Schönberg-Chor, schneidende Akzente. Kurz: ein Spitzenabend.