Königin des Belcanto, Primadonna assoluta, slowakische Nachtigall: Die Liste der Ehrentitel von Edita Gruberova ist lang. Noch viel länger aber währte ihre Ära in der Opernwelt: 51 Jahre – eine singuläre Zeitspanne – stand sie auf den Bühnen und galt als das Nonplusultra im heiklen Fach des Koloratur-Soprans. Im Herbst des Vorjahrs hat Gruberova ihre Karriere beendet; an diesem Montag ist sie nun 74-jährig in Zürich verstorben, über die Todesursache wurde nichts bekannt.

In Bratislava (Pressburg) geboren und ausgebildet, absolvierte Gruberova nach einer harten Kindheit ihre ersten professionellen Auftritte in der tschechoslowakischen Provinz. Die internationale Karriere begann dann an der Wiener Staatsoper: Im Februar 1970 debütierte Gruberova (die auf den slawischen Akzent am Ende ihres Nachnamens bewusst verzichtete) als Königin der Nacht in Mozarts "Zauberflöte", ein Jahr später zog sie dauerhaft in die Stadt und perfektionierte ihre Stimme bei der Kammersängerin und Pädagogin Ruthilde Boesch.

Die Folgejahre gestalteten sich allerdings zäh: Abgesehen von der effektvollen Mozart-Partie musste sich Gruberova vor allem mit Nebenrollen abfinden. Das sollte sich erst mit Dirigent Karl Böhm ändern, der Gruberova 1976 als Zerbinetta in einer Premiere von "Ariadne auf Naxos" besetzte. Die anspruchsvolle Richard-Strauss-Partie hatten die Nachwuchssängerin anfangs enorm eingeschüchtert, wie sie in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" einmal eingestand. "Mir ist ganz schwarz geworden vor Augen. Und dann noch der Text von Hugo von Hofmannsthal – ich konnte ja noch nicht so gut Deutsch." Dennoch: Die umjubelte Premiere sollte den Beginn einer Weltkarriere einleiten.

Ihr Erfolg bescherte Gruberova nicht nur Fans, die ihr bis zum letzten Spitzenton treu ergeben waren – er versetzte sie auch in die Lage, in den Häusern ein programmgestalterisches Wort mitzusprechen. Und weil sich Gruberova vor allem für die italienischen Opern mit den ausufernden Ziergesängen begeisterte – für das sogenannte Belcanto-Repertoire –, setzten die Direktoren eigens für den Publikumsliebling solche Abende an.

"Leben in die Rollen bringen"

Etwa "Lucia de Lammermoor" von Gaetano Donizetti: 90 Mal hat die slowakische Nachtigall allein in Wien diese Bravour-Arien gemeistert. Ebenso brillierte Gruberova, die wie keine andere einen Ton aus dem Nichts anschwellen und wieder verebben lassen konnte, in den halsbrecherischen Notengebirgen von Bellinis "Norma" und verlieh der Figur dabei das Format einer gebeutelten Oberpriesterin. Gesangliche Perfektion – das war für Gruberova, die mit 59 noch einmal Gesangsstunden nahm und ihre Technik umstellte, ein Kardinalsgebot. Es war ihr aber zugleich die Vorbedingung, um einer Rolle dramatische Kontur zu verleihen. Die Kritik an der Künstlichkeit des Belcanto konnte sie nicht nachvollziehen und betonte: "Ich setze alles daran, um in diese Musik das richtige Leben hineinzubringen."

Noch 2015 hielt die "Königin des Belcanto" ihrem Genre die Treue und begeisterte im Theater an Wien in Bellinis "La straniera"; als letzte Rolle verkörperte sie eine ergrauende Königin Elisabeth in Donizettis "Roberto Devereux", in einer psychologischen Inszenierung von Christof Loy. Anders als von einer "Diva" zu erwarten, hat sich Gruberova durchaus auf Regie-Experimente eingelassen. Im Bewusstsein ihres Rangs verbat sie sich allerdings Bühnenschrägen und ähnliche Arbeitserschwernisse. Allein das Singen sei ja Schwerstarbeit: "Einen hohen Ton zu singen ist wie das Stemmen eines Gewichts. Das haben schon Berufenere als ich, nämlich Ärzte, gesagt", erklärte die Künstlerin, die unter dem Titel "Nightingale" ihr eigenes Label betrieb.

Was bleibt? Die Erinnerung an 51 Bühnenjahre, die Gruberova mit der ihr eigenen Mischung aus Perfektion, Disziplin und Grandezza erfüllte – und eine Menge an Video- und Audiomaterial, das weit über den Belcanto hinausreicht und die Meriten der Vielseitigen auch in anderen Partien unterstreicht: etwa als Violetta in Verdis "La traviata". Oder in der weiblichen Titelrolle in Humperdincks "Hänsel und Gretel": Die Schönheit, mit der die Stimmen von Gruberova und Brigitte Fassbaender im "Abendsegen" verschmelzen, ist für die Ewigkeit.