Judith Hofmann gewinnt der Frau Bergmann, die ihrer 14-jährigen Tochter immer noch das Märchen vom Storch aufbinden will, immerhin einige treffend decouvrierende Nuancen ab, wenn sie beim schließlich unvermeidlichen Aufklärungsgespräch verzweifelt herumdruckst, trotz vieler Worte das Wesentliche ungesagt lässt und am Ende die schwangere Wendla einer obskuren Engelmacherin ausliefert. Birgit Minichmayr schleppt als widerborstige Wendla zwar als äußeres Zeichen kindlicher Naivität immer noch ihr Spielzeugentchen herum, erweckt aber ansonsten nicht den Eindruck, als ob sie Aufklärungsunterricht überhaupt noch notwendig hätte. Zusammen mit ihren Freundinnen - Johanna Eiworth (Thea) als blonde Lolita im pinkfarbenen Mini-Dress, Jana Becker (Martha) als bezopftes Girlie - heizen, wenn auch nicht ganz so offen wie die ins Bohème-Milieu geratene Ilse (Simona Sbaffi), den herumalbernden, ihre überschüssigen Kräfte zur Schau stellenden Jungen ganz schön ein.

Unter diesen profiliert sich vor allem David Rott als der sensible Moritz Stiefel, der weder mit den Anforderungen der Schule noch mit sich selbst zurechtkommt, aber seine Eltern um nichts in der Welt enttäuschen möchte und letztlich im Freitod seinen einzigen Ausweg sieht. Zum Opfer bürgerlicher Disziplinierungsmaßnahmen wird auch der bereits sehr männlich wirkende Michele Cuciuffo als Moritz Stiefels Freund Melchior Gabor, der - nicht zuletzt dank der liberalen Erziehung seiner Mutter - weder schulische noch andere Probleme zu kennen scheint, aber schließlich der herausfordernden Annäherung Wendlas nicht widersteht. Fügt sich Frau Gabor bei Wedekind daraufhin dem Befehl ihres Gatten, der Melchior in eine Korrektionsanstalt einweisen lässt, so muss Elisabeth Augustin eine Society-Lady zeigen, die in Moritz Stiefel, wenn sie ihm zärtlich das Haar kämmt, wohl nicht nur den Freund ihres Sohnes sieht, aber voll Selbstgerechtigkeit in schöne Worte flüchtet, sobald Moritz oder Melchior von ihr tatkräftige Hilfe benötigen.

Weitere Typen der männlichen Jugend, die sich zum Teil auch mit homosexuellen Erfahrungen konfrontiert sieht, verkörpern Lukas Miko (Hänschen Rilow), Daniel Resch (Ernst Röbel) und Rafael Schuchter (Robert), während Branko Samarovski im Schlussbild am Friedhof als vermummter Herr Melchior vom Selbstmord abhält und ihm den Weg in ein wirklich lebenswertes (?) Leben weist.