• vom 02.04.2001, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:12 Uhr

Volkstheater: "Wittgensteins Neffe" von Thomas Bernhard

Bernhards Lebensatem




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Von Christine Dobretsberger

Oft muss man am Premierenabend von Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe" an den Nietzsche-Ausspruch: "Wer krank ist, sieht mehr", denken. Denn der Leidensdruck ist und bleibt der treueste Wegbegleiter für Bernhard'sche Figuren, der nur durch zwei Gegenpole aufgehoben werden kann: Einerseits der ästhetischen Welt der Kunst, andererseits der Seelenverwandtschaft zu Menschen - in diesem Fall zu Paul Wittgenstein, Ludwig Wittgensteins Neffen.


In diesem Spannungsfeld zwischen Auflehnung gegen das eigene (physische) Schicksal und inniger Dankbarkeit für das "Geschenk" eines Lebensmenschen, bewegt sich der von Patrick Guinand dramatisierte Prosatext. Bildhaft gesprochen: Ein sich wiederholender "Dreiklang" von Erregung, Anspannung und Entspannung. Wobei Guinands Kunst darin besteht, die Weltverurteilung des Dichters nur marginal zu streifen, um den Menschen Bernhard ins Zentrum zu rücken.

Während Paul Wittgenstein seine Geisteskrankheit mit einer Selbstverständlichkeit lebt und mit scheinbarer Leichtigkeit zwischen Steinhof und Café Sacher pendelt, kämpft die Stimme des Ich-Erzählers ein Leben lang gegen die vollständige Absorption der krankhaften Lungenschwäche an. Einer der Auswege scheint die Sucht nach Ortswechseln. Stadt- (Wien) und Landluft (Nathal) wohl zu dosieren um den geeignetsten Atem für das Leben zu finden.

Wobei der Ich-Erzähler im wahrsten Sinne des Wortes ein Reisender zwischen den Welten ist, ein Mensch, der den Prozess des Gehens, des sich Fort-Bewegens als einzig glücklichen Zustand beschreibt. Irgendwo anzukommen ist gleichbedeutend mit dem allerhöchsten Unglück, einer "Jänner-Kälte und Leere", die wiederum nur von Menschen wie Paul einer war, vertrieben werden kann. Denn Paul ist tot, und das Stück als eine Art Requiem gedacht. Gleichzeitig aber auch ein Selbstporträt des Ich-Erzählers - von Thomas Bernhard.

Diese zwei Stimmen in einer Person zu vereinen schafft Toni Böhm mit beeindruckender Klarheit und Schärfe. Berührend und doch völlig unsentimental wird einer der persönlichsten Bernhard-Texte glänzend für die Bühne adaptiert. Mit der Figur der stummen Frau (Hasija Boric) sorgt Regisseur Guinand nicht nur für groteske Situationen, sondern auch für Bernhards typische Hassliebe zu Frauen. Während Bernhard im Prosawerk "Korrektur" der devoten "Höller-Gattin" die besten Noten ausstellt, transformiert Guinand diesen "Inbegriff der Zurückhaltung" auf die stumme, gleichzeitig widerspenstige Haushälterin.

Fazit: Dieser gelungene "Wittgensteins Neffe" ist Beispiel und Gegenbeispiel zugleich für Bernhards menschenfeindliche- und freundliche Konzeption von Glück. Letztendlich aber eine der schönsten literarischen Freundschaftsbekenntnisse der Welt.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2001-04-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:12:00

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