Blut, Urin, Kot, Sex, Masturbation, Autos, Motocross-Bike, Axt, Kettensäge und alle nackt: Das sind die unverwechselbaren Kennzeichen einer künstlerischen Handschrift der gehypten österreichischen Performerin Florentina Holzinger. Und es sind die Merkmale ihrer äußerst freien Interpretation von Dantes "Göttlicher Komödie", eine Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale, die am Freitag im Tanzquartier Wien Premiere hatte und lautstark gefeiert wurde.

Hypnose-Prolog

Es beginnt, gut 25 Minuten verspätet, mit der Hypnotiseurin Miranda van Kuilenburg und sechs Freiwilligen aus dem Publikum, die natürlich keine Freiwilligen sind. Eine von ihnen wird nach einem langatmigen Hypnose-Prolog zu Dante erweckt, der sich – wie man am Ende der Performance erfährt – auf "an amazing journey" begibt: auf einen Trip in die Hölle. In Florentina Holzingers Hölle. Und hin und wieder auch in das Inferno des Zuschauers, wenn es sich um die Pein der unendlichen Repetitionen handelt.

Nun, die Show beginnt mit einem Dixi-Klo-Tanz. Eine der Plastiktoiletten entpuppt sich als Dantes Zugang zur Hölle. Wo erfreulicherweise auch die 80-jährige ehemalige John-Neumeier-Tänzerin Beatrice Cordua, bereits bekannt aus Holzingers Stück "Tanz", anzutreffen ist. Sie erzählt im Lauf des Abends, dass Tänzer zweimal sterben: Das erste Mal, wenn sie ihre Karriere beenden. In ihrem motorisierten Rollstuhl ist sie nackt, wie alle anderen Performerinnen dieses Höllen-Großspektakels. Es sind rund 20 nackte Frauen aller Alters- und Gewichtsklassen. Die meisten mit Skeletten am Rücken – eine nette Metapher für den omnipräsenten Tod und Holzingers Totentänzen, die an Bewegungsqualität jedoch noch ausbaufähig sind.

Keine Erotik

Zu sehen ist in dieser Performance jede Menge Show, gleich einer Revue: Da gibt es einen lange nicht enden wollenden Hürdenlauf, eine fortwährend über die Bühne flitzende Motocross-Fahrerin, die mit unheimlichen Lauten begleitet wird (vielleicht Zerberus), Frauen, die sich rücklings Treppen hinunter stürzen oder herunterkullern, sechs Frauen, die mit Äxten auf Baumstümpfe eindreschen oder Action-Painting (auch mit Blut). Das Sezieren einer Ratte, Flammen und Wolkenhimmel sowie Sex und andere intime Vorgänge sind rechts und links von der Bühne per Livevideo in Großaufnahme zu sehen. Trotz all dieser Radikalität und zu sehender Intimität ist nichts davon erotisch, sondern beabsichtigt unaufgeregt. Holzinger streift natürlich feministische Themen. Man hat den Eindruck, dass die Effekte zur Inszenierung des Schaukampfplatzes jedoch vorrangig sind.

Es ist unumstritten eine sehenswerte Show, Holzingers beste Arbeit ist es jedoch nicht.