Man ahnt es schon vor dem tosenden Premierenjubel nach drei Stunden: Das Burgtheater hat einen neuen Hit, durchaus zu Recht. Die britische Dramatikerin Lucy Kirkwood weiß, was sie tut: Ihr Gespür für relevante Themen setzt sie in publikumswirksame Dramen um. Nachdem sie in der vorigen Spielzeit mit ihrem neuesten Werk "Das Himmelszelt" dem Wiener Publikum vorgestellt wurde, kam nun Kirkwoods früherer Text "Moskitos", ähnlich respektabel übersetzt von Corinna Brocher, im Akademietheater zur österreichischen Erstaufführung.

Das Verhältnis von Jenny und Alice ist innig, doch könnten die beiden Schwestern unterschiedlicher nicht sein. Alice ist, wie ihre Mutter Karen, Experimentalphysikerin geworden. Ihr Mann ist verschwunden, sie lebt mit dem adoleszenten Sohn Luke in Genf, weil dort der berühmte Cern-Teilchenbeschleuniger ist. Jenny hingegen ist in England geblieben, schlägt sich mit schlecht bezahlten Jobs durch und versucht seit Jahren, ein Kind zu bekommen. Als es doch klappt, sitzt sie einer Falschmeldung auf und verzichtet auf eine wichtige Impfung ihrer kleinen Tochter, was diese nicht überlebt. Die nun noch labilere Jenny und ihre Mutter quartieren sich daraufhin in der Schweiz bei Alice und Luke ein. Letzterer ist damit gar nicht einverstanden, hat er doch genug mit seinen Teenager-Problemen zu kämpfen.

Hätte Kirkwood ihr Stück nicht schon 2017 geschrieben, man würfe ihr heute garantiert allzu durchsichtige Impfpropaganda vor. Aber die Themen laufen so nebenbei mit: Die heikle Frage etwa, ob sich jeder und jede fortpflanzen dürfen sollte, aber auch die Wirkungen des Internets auf Heranwachsende. Ohne sich eitel darin zu gefallen, präsentiert sich hier ein durch und durch modernes Drama mit Figuren vom Format eines Ibsen oder Hauptmann. Burgschauspieler Itay Tiran besorgt die Inszenierung. Er ließ sich von Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh einen blütenweißen Reinraum mit (schwarzem?) Loch in der Decke bauen und stellt alles darauf ab, dass das Publikum den Schicksalen und Dialogen der zugespitzten Theaterfiguren interessiert folgt.

Sinn für Humor

Das tut es dank des durchwegs fantastischen Ensembles, das die dankbaren Rollen mit Verve und Sinn für Humor ausfüllt. Dem Mutter-Töchter-Trio zuzusehen ist ein reines Vergnügen. Sabine Haupt gibt eine liebende, aber eben auch sehr beschäftigte Wissenschafterin und Mutter, Barbara Petritsch eine gefährliche alte Frau, die brillant ist, aber geistig und körperlich zunehmend verfällt. Der Star des Abends steckt unter einer 80er-Jahre-Lockenkopfperücke: Es ist Mavie Hörbiger als außer Rand und Band geratene Jenny. Irgendwie schafft sie es, gleichzeitig manisch und depressiv zu sein, die personifizierte Tragikomik. Man wünscht sie sich in jede Szene.

Religion und Physik

Respekt gebührt Felix Kammerer für die Bewältigung der schwierigen Aufgabe, einen zehn Jahre jüngeren Teenager unpeinlich darzustellen. Zusammen mit Caroline Baas als Lukes Schulkollegin Natalie verantwortet Kammerer die wahrscheinlich lustigste Sexszene der jüngeren Bühnengeschichte - bis diese eine üble Wende nimmt. Ensembleneuzugang Bless Amada macht eine gute Figur als Alices Freund Henri (und garantiert mit dem Satz "Ich bin Schweizer und ich muss jetzt gehen" für einen Lacher). Sie hat ihn bei den Quäkern kennengelernt, was zusätzlich eine reizvolle Ambivalenz einzieht: Religion und Physik, wie verträgt sich das?

Ein sprechendes Higgs-Boson in Gestalt Markus Meyers, das auch für Lukes abwesenden Vater stehen soll, liefert wissenschaftliches Unterfutter. Wenn man Kritik üben möchte, dann vielleicht an der etwas oberlehrerhaften Manier dieser abstrakten Ebene, die Tiran dennoch ästhetisch ansprechend in Szene setzt: Im weißen Ganzkörperanzug verschwimmt Meyer nahezu mit dem Hintergrund.

Die titelgebenden Moskitos kommen mehrfach zur Sprache, als Symbol für etwas Winziges, das großen Schadenanrichten kann. Was dieser Abend im Akademietheater hingegen zeigt, ist: Manchmal kann auch ohne große Experimente am Theater etwas Gutes entstehen.