In den 1920er Jahren war Wien Hauptstadt der Ausschweifungen. Auch gesellschaftspolitisch wurde die Stadt von einer Aufbruchstimmung erfasst, unter dem Begriff "Rotes Wien" formierte sich ein bis heute einzigartiges Sozialexperiment; schließlich war Wien zu jener Zeit auch eines der Zentren der Psychoanalyse.

Einige dieser gesellschaftspolitischen Eruptionen und erotischen Skandale verknüpft nun das Performance Kollektiv "Sodom Vienna" in "Sodom Vienna - die Revue" zu einer queeren Neuauflage der 20er-Jahre Revue im brut nordwest (Premiere: 3. November). Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Theatermacher Gin Müller und der Theaterwissenschafterin Birgit Peter über die Faszination Revue einst und heute.

"Wiener Zeitung": Was verbindet Ihr Projekt mit den Revuen der 1920er Jahre?

Gin Müller: Das wird sicher keine Nostalgie-Veranstaltung, wir benützen die Revue im politisch-aufklärerischen Sinne, aber halten doch einige Vorgaben des Formats ein: Wir haben sowohl eine Conférenciere (Denice Bourbon) als auch Gesang und Tanz mit Klavierbegleitung, vor allem aber setzen wir uns auf der Bühne mit vier historischen Persönlichkeiten auseinander, hinterfragen deren Leben und Wirken aus queerer Perspektive: Da wären einmal die Rivalen Siegmund Freud und Wilhelm Reich, in unserem Kontext ist vor allem Reich interessant, er war mit seinen Orgasmus-Forschungen seiner Zeit weit voraus und stieß damit auf viel Widerstand. Außerdem erinnern wir an die so populären wie umstrittenen Ausdruckstänzerinnen Josephine Baker und Anita Berber, hier interessiert uns vor allem die Provokation, die von Berber ausging: Sie war Nackttänzerin und bisexuell, eine Skandalfrau par excellence, die mit nur 29 Jahren an den Folgen ihrer Drogen- und Alkoholexzesse starb.

Klaus Mann schrieb einst über sie, dass sie "sogar für das Nachkriegsberlin zu weit gegangen" sei.

Birgit Peter: Baker und Berber standen für ein neues Frauenbild, das seinerzeit extrem provozierte. Die beiden wurden von den männlichen Zeitgenossen antagonistisch rezipiert: Baker wurde mit unverhohlenem Rassismus auf eine Art "natürlicher Eros" reduziert, während Berber "artifizielle Sexualität" unterstellt wurde.

Was war das Besondere an der Revue in den 1920er Jahren?

Peter: Die Revue war der theatral-ästhetische Ausdruck schlechthin der europäischen Metropolen. Ursprünglich kommt der Begriff übrigens aus dem Militär und bezeichnet eine Truppenbesichtigung, zunächst tauchte die Revue in Jahrmarkttheatern auf, anfangs ging es überhaupt nicht um Glamour und Ausstattung, sondern um Satire und Kritik an den Repräsentanten der Macht.

Müller: Humor als Waffe! Auch das politische Kabarett arbeitete in den 1920er Jahren mit Stilmittel der Revue, siehe: Karl Farkas, Jura Soyfer, Fritz Grünbaum.

Peter: Erst um die Jahrhundertwende wurde die Revue zum Erfolgskonzept des Unterhaltungstheaters und erlebte in den 1920er Jahren ihre Hochzeit - von der opulenten Ausstattungsrevue mit den Revue-Girls bis hin zu intimen Kammerrevuen, vom kommunistischen Agit-Prop bis zum jüdisch-zionistischen Kabarett etablierten sich viele Formen.

Müller: Auch aus dem Nachtleben waren Revuen nicht wegzudenken.

Peter: Genau, "Moulin Rouge" und "Femina" mit Nackt-Revuen, die ein urbanes, kosmopolitisches Publikum anlockten. Als Wiener Spezialität kristallisierte sich die Operetten-Revue heraus, ein überaus beliebtes Genre.

Was interessiert Sie an den 1920er Jahren?

Müller: Uns hat das utopische Potenzial dieser Zeit interessiert, die Fülle an gesellschaftspolitischen Ideen und Visionen.

Die geradewegs in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts führten, Utopien haben seitdem ihre Unschuld verloren.

Müller: Ja, aber das kann nicht das Ende jeglicher Utopien bedeuten. Gerade jetzt, wo wir uns mitten in der Corona-Krise befinden, muss man sich doch fragen, was mit dem Spätkapitalismus falsch läuft. Ob nicht andere Formen des Zusammenlebens denkbar wären?

Was schwebt Ihnen da vor?

Müller: Ich sehe die Zukunft von Sodom Vienna queer-feministisch-antirassistisch-antikapitalistisch.