Auch ein Thema, das in einem Interview nichtangesprochen wird, kann einen Gesprächspartner beglücken. Für Josef E. Köpplinger ist dies die Frage, warum er den "Rosenkavalier" an der Wiener Volksoper inszeniert und ob das wirklich Sinn ergibt. Ist die Stadt mit der kultigen Otto-Schenk-Regie der Staatsoper nicht ausreichend versorgt? Findet die Orchesterbesetzung von Richard Strauss genug Spielraum am Währinger Gürtel? "Danke fürs Nicht-Fragen", bringt Köpplinger das Thema irgendwann von allein aufs Tapet und verteidigt die Standortwahl. "Der Orchestergaben ist hier groß genug, die Volksoper ein erstes Haus - und ‚Der Rosenkavalier‘ eine Volksoper."

Köpplinger, Jahrgang 1964, kennt das Haus ebenso gut wie das gewählte Stück. Sechs Mal hat der gebürtige Niederösterreicher bereits an der Volksoper Regie geführt, den "Rosenkavalier" liebt er seit Kindestagen. Seine Großtante Helene war selbst zur Uraufführung nach Dresden gereist und hat ihm später das Werk schmackhaft gemacht. Noch heute erinnert sich Köpplinger an seinen ersten "Rosenkavalier" als Knirps an der Staatsoper, schon damals in der "prägenden" Schenk-Regie von 1968, und wie ihn das berühmte Terzett damals durchströmte. "Der ‚Rosenkavalier’ ist ein absolutes Wunschstück für mich. Paradoxerweise musste ich sieben Regie-Angebote ablehnen, weil ich als Intendant nur begrenzt Zeit zum Inszenieren habe", sagt der Vielbeschäftigte, der seit Jahrzehnten Häuser leitet - seit 2012 das Gärtnerplatztheater in München.

Die Figuren hinterfragen

Mit Otto Schenks "Rosenkavalier"-Regie aufgewachsen: Josef Ernst Köpplinger . - © Thomas Dashuber
Mit Otto Schenks "Rosenkavalier"-Regie aufgewachsen: Josef Ernst Köpplinger . - © Thomas Dashuber

2019, im Jahr vor der Pandemie, ist aus dem Wunsch dann aber doch Bühnenrealität geworden. Der notorische Kappenträger hat seinen ersten "Rosenkavalier" in Bonn inszeniert, und der Abend kommt nun im Rahmen einer Koproduktion an die Volksoper. Ab diesem Sonntag ist der Strauss-Klassiker mit dem Bonmot-lastigen Textbuch Hugo von Hofmannsthals damit hierzulande in zwei Fassungen zu besichtigen.

Dabei werden sie sich klar voneinander unterscheiden: Köpplinger hat die Geschichte rund um die alternde Marschallin, ihren jungen Liebhaber Octavian und den rüpelhaften Baron Ochs auf Lerchenau aus dem 18. Jahrhundert in das Wien von 1911 verfrachtet. Warum? "Die Idee stammt noch aus der Zeit, als ich am Landestheater Klagenfurt Intendant war und die ‚Ariadne‘ von Strauss in ihrer Entstehungszeit inszeniert hatte - so wollte ich dann auch beim ‚Rosenkavalier‘ vorgehen." Die Vorteile des Settings von 1911: Auf der Bühne lassen sich noch Aristokraten zeigen, ohne die "sich die Geschichte nicht ausgehen würde". Zugleich steht diese Welt an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg und wird damit zu einem Symbol von Verlust und Verfall - jenem Thema, das die Marschallin zu geistreichen Worten anregt und hier auch den Bühnenbildner Johannes Leiacker beschäftigt: In jedem Akt präsentiert er dem Publikum ein anderes Gemälde, das um Schönheit und Vergänglichkeit kreist.

Der Abend will sich aber nicht mit Kulissenschieberei begnügen, sondern die "Ambivalenzen der Figuren" ausloten. Dabei können Köpplingers Denkergebnisse durchaus verblüffen. Etwa im Fall der Marschallin: Gibt sie ihren Liebhaber aus Altersweisheit für die junge Sophie frei? Köpplinger und sein Team verneinen es. "Wir waren uns in diesem Punkt sehr einig: Am Ende ist das Verhältnis zwischen Octavian und Marschallin nicht aus, sonst würde sie ihn zuletzt nicht zu einer Kutschenfahrt einladen. Ich denke, sie müsste nur mit dem Finger schnippen und hätte ihn zurück."

Auch der Octavian entspricht hier nicht dem Klischeebild vom naiven, hormonstrotzenden Jungspund. "Er sagt sehr kluge, reife Dinge. Wenn er die Marschallin am Ende des ersten Akts fragt: ‚Wer legt dir heute die Wörter in den Mund?‘, erkennt er klar, dass sie ihm gegenüber nicht aufrichtig ist." Auch über die kleinen Figuren hat Köpplinger gegrübelt, etwa über den Leopold, den stummen Kammerdiener des Ochs und - nach dessen Worten - sein unehelicher Sohn. Köpplinger lässt diesen Lakai sein eigenes Drama erleben: "Er will die ganze Zeit die Liebe von seinem Papa, aber der behandelt ihn wie einen Laufburschen."

Am Ende soll sich der Abend allerdings nicht in der Summe solcher Details erschöpfen: "Wir haben mit dem Ensemble, den vielen Rollendebüts und dem tollen Dirigenten Hans Graf versucht, dass dieser ‚Rosenkavalier‘ ein Ganzes ergibt - Musik-Theater im buchstäblichen Sinn, bei dem persönliche Eitelkeiten hintanstehen."