So ein Heißhunger kann einen schon einmal grantig machen. Aber sich gleich deswegen umbringen, weil man als Mitternachtssnack keine Leberwurst bekommt? Das scheint dann doch eine etwas überschießende Reaktion zu sein. Aber Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov wird das zugetraut. Von seiner Frau Mascha. Das kommt davon, wenn man immer Drama-Queen-artig gleich den eigenen Tod ins Spiel bringt bei den kleinsten Streitereien - irgendwann glaubt das jemand.

In Nikolai Erdmanns Stück "Der Selbstmörder" glauben das nach und nach eine ganze Menge Menschen - und sie finden, dass der Tod von Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov ziemlich verschwendet wäre. Aber sie wollen deshalb nicht etwa, dass sich Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov nicht umbringt. Sondern dass er sich in ihrem Namen umbringt: Im Namen der Liebe, im Namen der russischen Intelligenzija, im Namen des Sozialismus, im Namen des Glaubens, im Namen des Fleischhandels - gut, Letzteres wäre wegen der Leberwurst ja wieder angebracht. Allen Vertretern dieser Ansinnen hat der geschäftstüchtige Spielbudenbesitzer Kalabuschkin (Markus Hering, schmierig und unter der Fuchtel von Bardame Margarita, die so herrisch ist, dass sie ein bärtiger Mann, nämlich Tim Werths, spielt) einen vorgefertigten Abschiedsbrief verkauft - in einer Art Lotterie soll sich Semjon Semjonowitsch Podsekalnikov dann für einen entscheiden.

Die Tuba wird nix richten

Seine Langzeitarbeitslosigkeit macht die bevorstehende Tat auch etwas plausibler. Erdman hat das Stück 1928 geschrieben, also zu Beginn der Stalin-Ära. Es wurde auch recht bald verboten, zu viele für eine Diktatur "gefährliche" Lesarten vermuteten die Behörden. Im Wiener Burgtheater wurde die Satire nun am Donnerstag von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann in einer kessen und kurzweiligen Inszenierung zur Premiere gebracht. Florian Teichtmeister spielt den unverhofften Todeskandidaten Semjon wunderbar treuherzig, ohne die inneren Kämpfe des Mannes kleinzuspielen. Wenn er denkt, mit einer eh schon unter Schwierigkeiten aufgetriebenen Tuba könne er sein Leben und seine Familienfinanzen in den Griff kriegen, und voller Motivation in seinem Tuba-Handbuch nachliest, wie er sich das Spiel nun beibringen kann und dieses ihm empfiehlt, er brauche jetzt nur noch "ein billiges Klavier", greifen Absurdität und Verzweiflung über die Ausweglosigkeit komödiantisch-spielerisch ineinander. Als seine Frau Mascha ist Lilith Häßle angemessen aufgelöst bis angenervt. Sie ist ja auch noch gestraft mit ihrer Mutter Serafima (Katharina Pichler), die wirklich in allem Unbill noch etwas Positives findet, was wiederum schon sehr lustig ist.

Dietmar König führt als Aristarch Dominikowitsch Grand-Skubik, der Sprecher der Intelligenzija, den munteren Mob der Todesengel an: Mit mönchhafter Topffrisur doziert er - unterbrochen von überraschenden Albernheiten - darüber, dass es heute wahrlich schwer ist, an ideologische Leichen zu kommen, weil sich heute ja niemand mehr für eine Idee umbringen würde. Und die, die sich umbringen, haben keine Idee. Dann müsse man Letzteren halt eine unterjubeln. Dass es dann keine 20 Jahre später Millionen solche ideologische Tote - die Armee der Sowjetunion verzeichnete im Zweiten Weltkrieg die meisten Verluste - geben sollte, ist hier nur eine bittere Vorahnung.

Slapstick im Sarg

König spielt wie fast jeder im Ensemble nicht nur eine Rolle, die manchmal völlig ungeniert vollzogenen Wechsel etwa von Alexandra Henkel und Bardo Böhlefeld geben der Inszenierung - vor allem gegen Ende beim Slapstick-Begräbnis, in dem der nur im Wodkahimmel gelandete Semjon nur schwer in seinem Sarg stillhalten kann - noch eine eigene Dynamik. Auch weil alle zwar schwarz gekleidet sind, aber in Netzhemd, Lederlack und eklektisch tätowiert eher so als würden sie zu einer Halloween-Swingerparty gehen (Kostüme und Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch).

Jordans und Koppelmanns Inszenierung ist so dicht gepackt, dass es einem geht wie mit einem dieser Filme, die man noch einmal anschaut, weil man Gags beim ersten Mal verpasst hat. Ja, nicht immer ist das besonders feinsinnig, aber es passt zum skurrilen Treiben. Und während man noch grinst, wenn der Intellektuelle Aristarch kichert, weil er Scheide gesagt hat, kann man sich ja überlegen, ob man die Parallelen ziehen will von den 100 weinenden Mädchen am Grab, die Semjon versprochen werden, zu den 100 Jungfrauen, die islamistischen Attentätern verheißen werden. Oder wie man sich selbst zuletzt zum Instrument von jemandem oder etwas hat machen lassen. Es kann ja schnell gehen. Manchmal reicht es, wenn die Leberwurst aus ist.