Verkehrte Opernwelt: Die Musiker haben auf der Bühne Platz genommen, die Sängerin arbeitet dagegen im Orchestergraben. Rebecca Nelsen führt dort, begleitet von einem Kameramann, eine Stunde lang eine Art Untergrund-Existenz. Die Bilder der Kamera, riesengroß auf die Bühne projiziert, erzeugen einen zwiespältigen Eindruck: Nelsen wirkt überpräsent und scheint der Welt doch abhandengekommen zu sein.

Dieser Regieeinfall (Anna Bernreitner) hat seinen Sinn an diesem Abend, denn die Neue Oper Wien zeigt im Theater Akzent Wolfgang Rihms "Proserpina", also die Geschichte der Unterweltherrin wider Willen. Die Göttin aus bestem Hause (Vater: Jupiter, Mutter: Ceres) ist von Pluto in dessen Reich verschleppt worden und fristet ein karges Dasein. Im Mythos nimmt die Geschichte ein halb-gutes Ende: Ceres erwirkt, dass Proserpina zumindest im Frühling und Sommer auf Erden wandeln darf. Im gleichnamigen Goethe-Monodrama schließt die Geschichte aber schon davor - nämlich, wenn die Entführte in einen Granatapfel beißt und durch diese Verletzung des Hades-Fastengebots unwillentlich endgültig zur Königin aufsteigt.

Wolfgang Rihm hat auf diesen Text im Jahr 2008 eine seiner letzten Opern geschrieben - ein Lamento für Sopran, Chor und Orchester, das einige Passagen von ziselierter Schönheit birgt, aber kaum zu Rihms stärksten Werken zählen darf: Die Aneinanderreihung schriller Schmerzenstöne in hoher Lage, dünn orchestriert, stumpft das Ohr allmählich ab.

Im Theater Akzent imponiert jedenfalls die Umsetzung: Im tristen Kellerraum mit den grauen Wänden, Sesseln und Requisiten singt sich Nelsen nachgerade Lunge und Seele aus dem Leib. Eine beachtliche Leistung (auch vom amadeus ensemble-wien und Mitgliedern des Kammerchores), und immerhin ein kurzer Abend.