Was es alles gibt in diesem Wien!" Die Worte des Ochs auf Lerchenau können dieser Tage auch Opernfreunden über die Lippen kommen: Seit dem Wochenende besitzt die Stadt zwei Produktionen von Richard Strauss’ "Rosenkavalier". Neben die rüstige Staatsopern-Regie von Otto Schenk aus dem Jahr 1968 ist eine Inszenierung der Volksoper getreten: Josef Ernst Köpplinger hat den Abend (in einer Koproduktion mit Bonn) gestaltet, die Premiere endete am Sonntag mit einhelligem Applaus.

Ein Gegenentwurf zu Schenks nostalgischem Augenschmaus ist es nicht geworden: Auch Köpplinger weidet sich an Schauwerten der Vergangenheit. Statt den "Rosenkavalier" librettogemäß in der Zeit von Maria Theresia anzusiedeln, lässt er die Geschichte allerdings 1911, also im Uraufführungsjahr der Oper, ablaufen: An die Stelle von Reifröcken, Brokatjacken und Perücken treten allerlei wallende Damengewänder und manche Männeruniform (Kostüme: Dagmar Morell); das Wirtshaus des dritten Aufzugs macht einem abgeschmirgelten Beisl Platz, an dessen Bar ein Soldat seinen Rausch ausschläft.

Detailfreudiges Schauspiel

Dieser Zeitsprung hat allerdings keine Folgen für die Handlung: Die Geschichte rund um die Frau Marschallin, die ihren juvenilen Liebhaber zugunsten der putzigen Sophie freigibt und die Heiratspläne des schmierigen Baron Ochs durchkreuzt, läuft auch hier ganz nach Hofmannsthals Textbuch ab. Am Ende werden Octavian und sein neuer Schwarm beschwingt aus der Bar in ein Schneegestöber hinausschreiten, während der blamierte Baron das Weite sucht und der kleine Lakai Mohammed nach einem Taschentuch fahndet. Das Jahr 1911 - es liefert Köpplingers Regie eine ästhetische Folie, aber keine Reibefläche, an der sich eine überraschende Interpretation dieser Komödie oder ihrer Figuren entzünden würde.

Dafür ist die Personenführung denkbar detailreich gestaltet: Wenn Octavian erstmals mit Sophie flirtet, fliegen nur so die erotischen Funken im Hause Faninal trotz der Eindämmungsversuche einer Anstandsdame; wenn sich der Jungspund dann sporenstreichs mit dem Ochs duelliert, endet die Sache denkbar peinlich, weil der Baron seinem Widersacher versehentlich in die Klinge rennt. Und wenn die Marschallin über das Älterwerden nachdenkt, wird dies nicht nur von wuchtigen Vanitas-Gemälden im Hintergrund akzentuiert (Bühne: Johannes Leiacker), sondern auch von so manch langem Blick der Grüblerin in den Spiegel, während sich in ihrem Rücken das junge Glück vereint. Ein steter Strom von Gesten, Bewegungen und Mienenspielen verleiht dem Innenleben der Figuren pointierten Ausdruck und verhindert über vier Stunden das Aufkommen von Langeweile.

Gesungen wird im großen Ensemble auf recht unterschiedlichem Niveau. Emma Sventelius, ein Octavian mit schneidiger Kurzhaarfrisur, verfügt über einen prägnanten Mezzo, in den sich beizeiten ein herbes Vibrato mengt. Jacquelyn Wagner verleiht der Marschallin saubere Töne mit einem etwas begrenzten Klangvolumen, die spielfreudige Lauren Urquhart stellt eine aparte Sophie vor. Und der Ochs von Stefan Cerny? Beeindruckt mit seinem Stimmumfang und vokaler Wendigkeit, könnte seine Neigung zum Grimassieren aber ein wenig zurückschrauben.

Dirigent Hans Graf gelingt es im akustisch heiklen Haus zwar nicht ganz, Strauss’ silbrige Süffigkeit freizusetzen, arbeitet sich aber durchwegs sängerfreundlich und walzerkundig auf den Schlussapplaus zu.