Erwin Steinhauer ist ein Phänomen. Wie kaum einem anderen gelingt es dem gebürtigen Wiener, in praktisch jeder Spielform darstellender Kunst erfolgreich Fuß zu fassen: Am Beginn seiner Karriere mischte er die österreichische Kabarettszene auf. Parallel dazu spielte er an sämtlichen wichtigen Wiener Bühnen und wirkte in mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter Alfred Komareks "Polt"-Krimis, die drei "Brüder"-Verfilmungen von Wolfgang Murnberger und zuletzt die Fernsehserie "Die Toten von Salzburg". Nicht zu vergessen Steinhauers Auftritte als Musiker, mit seinem jüngsten Programm "Alles Gute ... und alles Erfolgreiche" tourt er derzeit durchs Land.

Am 19. September wurde Steinhauer 70 Jahre alt, zu diesem Anlass erschien im Ueberreuter Verlag das launige biografische Porträt "Erwin Steinhauer. Der Tragikomiker" von Fritz Schindlecker. Mit der "Wiener Zeitung" sprach der Vielbeschäftigte über seine Herkunft, über Aufbruch und Krisen und darüber, was die lustigste Zeit seines Lebens war.

"Wiener Zeitung":Anfangs war Ihr Vater, der Feuerwehrmann Wolfgang Steinhauer, gegen eine künstlerische Laufbahn, Sie sollten der erste Akademiker der Familie werden. Was hat Sie bewogen, dennoch zum Theater zu gehen?

Erwin Steinhauer: Dass Spielen zum Schönsten gehört, was ich mir für mein Leben vorstellen kann, wusste ich schon sehr früh. In der Volksschule wirkte ich in einem Kinderstück mit, ich schnitt mich an einer Requisite und war voller Blut, aber vom Spielen hielt mich das keineswegs ab. Als Jugendlicher habe ich unentwegt etwas inszeniert und nach der Matura wollte ich sofort ans Reinhardt-Seminar, ich war aber erst 17 und brauchte damals noch die Unterschrift meines Vaters, der sie mir vorenthielt: "Studiere zuerst was Gescheites", war sein Rat. Ich inskribierte also Geschichte, aber schmiss das Studium kurz vor dem Abschluss. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre Lehrer geworden. Stattdessen landete ich im Kabarett und zerstörte den kleinbürgerlichen Traum meines Vaters. Zwei Jahre lang sprach er kein Wort mit mir. Erst als er sah, dass ich meinen Weg mache, von einem Engagement ins nächste, renkte sich unser Verhältnis wieder ein und wir arbeiteten sogar zusammen - aber eine Schauspielschule habe ich bis heute nicht besucht.

Bereuen Sie das?

Mein Glück war, dass ich früh ein Engagement am Burgtheater hatte, da schaute ich mir viel von den berühmten Kolleginnen und Kollegen ab. Erst viel später legte ich eine offizielle Prüfung ab.

Ihr Urgroßvater Eduard Just war Jude, versteckte sich während der NS-Zeit zunächst in einem Schrebergarten, wurde von einem Nachbarn denunziert, überlebte das KZ-Theresienstadt und starb 1954 in Wien. Wie war es für Sie, in einer Zeit aufzuwachsen, als die NS-Vergangenheit von der Mehrheit der Bevölkerung verdrängt und verharmlost wurde?

Ich war 14 Jahre alt, als mein Vater mir die Wahrheit über unsere katholisch-jüdische Herkunft erzählte. Das war ein Erweckungsmoment und der Beginn meiner Politisierung. Ich bin Jahrgang 1951, maturierte 1969, da erlebte man noch Lehrer und Nachbarn, die von der NS-Ideologie geprägt waren, zugleich waren wir in den 1970er Jahren von einer enormen Aufbruchsstimmung und einem gesellschaftlichen Optimismus erfasst, ganz anders als heute.

In den 1970er und 1980er Jahren gehörten Sie zu den Pionieren, wenn es um die Erneuerung des heimischen Kabaretts ging. Was bedeutete das für Sie?

Wir haben uns über das Kabarett als Kunstform nicht den Kopf zerbrochen, sondern einfach unsere Weltsicht auf die Bühne gebracht und waren glücklich, dass wir mit dem, was wir gerne machten, unseren Lebensunterhalt verdienen konnten. Mir war von Anfang an wichtig, dass ich nicht nur Kabarett, sondern auch Theater mache. Mein Motto: Wenn ich bemerke, dass sich außer auf meinem Bankkonto nichts mehr bewegt, brauche ich einen Wechsel.

Neben Kabarett und Theater wirkten Sie in mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen mit. Was hat sich im Lauf der Zeit verändert?

Als ich beim Fernsehen begann, waren die Budgets noch nicht so knapp. Wir drehten damals drei bis vier Minuten Spielfilm pro Tag, für einen 90-minütigen Film wurden demnach etwa 27 Tage einkalkuliert. Heute wird dasselbe Pensum meist in nur 20 Tagen abgedreht, selbst acht bis neun Minuten pro Tag sind keine Seltenheit. Das hat sich innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelt! Sicher gab es in dieser Zeit auch technische Erneuerungen, manches kann heute einfacher und effizienter erledigt werden, aber unterm Strich läuft alles unter viel größerem Druck ab.

Sollte es im Fernsehen durch Streaming-Angebote wie Netflix und Co nicht zu einer Qualitätssteigerung kommen?

Das sollte man meinen, ja. Aber in vielen Fällen ist es gescheiter, man liest ein Buch.

Kommen wir zurück zum Theater: Von Burg- und Volkstheater bis zur Josefstadt ist Ihnen keine der Wiener Großbühnen fremd. Vor allem Ihre Auftritte an der Seite von Otto Schenk in der Komödie "Othello darf nicht platzen" geriet an den Kammerspielen zum Kassenhit. Wie bringt man Leute zum Lachen?

Wenn ich das nur wüsste! Das Zwei-Personen-Stück "Othello darf nicht platzen" war jedenfalls wie für uns gemacht; wir haben das 350 Mal gespielt und das war sicher die lustigste Zeit meines Lebens, der Otti ist ein Quell an Anekdoten und Witzen.

Demnach vermittelt sich, wenn man selbst Spaß hat, die gute Laune auf der Bühne?

So einfach ist es nicht, sonst ist man leicht der Einzige, der lacht, auch Betrunkene sollten keine Betrunkenen spielen. Also, das Stück muss gut sein und man muss den Witz absolut ernst nehmen, dann kann daraus so etwas wie Komik entstehen. Gute Unterhaltung hat auch mit Haltung zu tun, es darf nicht zu billig oder zu tief werden. Mir kommt es darauf an, die Leute zum Nachdenken zu bewegen, ohne belehrend zu sein.

Komödianten gelten häufig als tieftraurige Menschen, trifft das auch auf Sie zu?

Es gab depressive Phasen in meinem Leben, ich habe mich dann zurückgezogen, an mir gearbeitet, mir Rat und Hilfe bei einigen wenigen Freunden gesucht. In meiner Generation war das noch nicht so anerkannt wie heute, dass man eine Psychotherapie macht. In meiner Generation wurde man da schnell als geistesgestört abgestempelt, als jemand, der einen Vogel hat - reiner Blödsinn. Überhaupt stehe ich privat nicht gern im Mittelpunkt. Ich bin nicht der Typ, der sich auf Society-Events herumtreibt und mit seinen Projekten prahlt. Mir wird da schnell langweilig.

Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Im Nachhinein ist mir jeder Fehler recht gewesen, nur das Scheitern bringt einen weiter, zu viel Erfolg führt leicht dazu, dass man sich nur mehr wiederholt. Ich schaue mir auch nie einen meiner alten Filme an, aus lauter Sorge, sie könnten mir gefallen. Das würde nämlich bedeuten, dass ich in meiner Entwicklung stecken geblieben wäre.