Über einen Theaterabend von Jonathan Meese zu berichten, ist etwa so, als würde man von einer Entgleisung erzählen. Da war Gebrüll, Gekeuche, Gestöhne, Schauspielerinnen und Schauspieler entblößten ihre Hinterteile, sinnentleerte Dialogfragmente wurden einem entgegen geschleudert: "Lebt ohne Urlaub" oder "Wanzt ab", wohin man blickte, sah man Nazi-Symbole, zigfach wurde das Horst-Wessel-Lied intoniert, gefolgt von Rammsteins "Hier kommt die Mutter" und Udo Jürgens Gastarbeiter-Ballade "Griechischer Wein".

Krach und Chaos: Willkommen im Kunst-Kosmos von Jonathan Meese! Bienvenue in der "Universums-Uraufführung" am Wiener Volkstheater von "KAMPF-L.O.L.I.T.A (Evolution ist Chef) oder L.O.L.I.T.A.D.Z.I.O (Zardoz fliegt wieder) oder L.O.L.I.T.A DE LARGE (Das 3. Baby) oder DIE BARBARENLOLITAS (Kampf um Kunst) oder DR. ERZLOLITA DE L.O.L.I.T.A (Zardoz lebt) oder DIE ZARDOZLOLITAS (Keine Angst)". Allein der Nonsens-Titel ist Programm: Sollte man sich überhaupt bemühen, dieses Wortungetüm zu entziffern? Ist man nicht heillos verloren, wenn man in der wüsten Bühnennarretei nach einem Sinn sucht? Gehören Sinnsuche, Ordnung und Maßhalten nicht bereits zum Übel, das ein manischer Künstler wie Meese mit seinen Provokationen planmäßig ad absurdum führt?

Der 51-Jährige ist einer der bekanntesten deutschen Künstler, wie kaum ein anderer entzweit er sein Publikum: Alles ist bei ihm lauter und schriller, größer und großkotziger, als der gute Geschmack es vorsieht. In seinen Werken kreist er häufig um sich selbst, verbindet hemmungslos Elemente aus E- und U-Kultur, im Volkstheater wird das Bühnengeschehen von zwei Fernsehern flankiert, auf denen nonstop der 1970er Jahre Fantasy-Film "Zardoz" mit Sean Connery und der 1980er-Jahre-Soft-Porno "Der Fan" mit Desirée Nosbusch laufen. Wer fragt schon nach dem Warum?

Geradezu obsessiv wirkt Meeses Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Deutschlands. Kaum ein Bild, schon gar kein Theaterabend kommt ohne satirisch überzogene Anspielungen an die NS-Zeit aus. In Wien zwängt Meese seinen stattlichen Wanst in eine SS-Uniform, skandiert selbstbewusst: "Jedem Deutschen steht eine Uniform" und stiefelt als Zeremonienmeister durch die Verausgabungsorgie.

"Härter als jedes Theater"

Anfangs liest die Mutter des Künstlers, Brigitte Meese, eine Zusammenfassung von Nabokovs "Lolita" vor. Die Videoprojektion als Einstimmung für einen Abend, an dem es um alles und nichts, aber sicher nicht mehr um die titelgebende Lolita geht. Meese und sein fünfköpfiges Ensemble lassen es einfach krachen. Star-Gast Martin Wuttke, die beiden ehemaligen Berliner-Volksbühnen-Performer Lilith Stangenberg und Maximilian Brauer sind geeicht auf Darstellungsweisen, die nichts mehr mit herkömmlichem Bühnenspiel gemein haben - "Wir sind härter als jedes Theater" - und laufen in der Szenenabfolge zu Hochform auf: Stangenberg singt sich am Horst-Wessel-Lied heiser und Martin Wuttke verrät fingierte Geheimnisse von Adolf Hitler, die man nie erfahren wollte. Wenn Meese während der improvisierten Show nicht mehr weiter weiß, schwingt er die Peitsche und versohlt einem Performer den Hintern - seltsam sadistische Unterwerfungsrituale. Ein wiederkehrendes Motiv ist außerdem das vermeintliche Ende der Kunst: "Du musst mehr mit Kartoffeln machen. Mehr Kartoffeln, weniger Kunst." "KAMPF-L.O.L.I.T.A" bricht mit Theater-Ritualen, will einem absichtlich auf die Nerven gehen. Das hat schon was. Aber auf die Dauer von drei Stunden wird es vor allem zunehmend zermürbend.