Das Beste an Michael Herschs "Poppaea" vorweg: Das Odeon, mit seinem von zwölf faux-korinthischen Säulen gesäumten Saal, war der ideale Spielort für eine zeitgenössische Oper auf den historischen Stoff der römischen Kaiserin Poppaea Sabina. Die Atmosphäre stand dem brutalen Sujet gut zu Gesicht, hervorragend eingerahmt vom effektiven Bühnenbild (Piertzovanis Toews Architekten), das großteils aus einem mehrschichtigen PET-Flaschenvorhang besteht.

Wer Robert Graves’ Romane "I, Claudius" und "Claudius the God" gelesen hat, konnte nicht umhin, die hoffnungslos amoralischen, mörderischen Charaktere auf der Bühne wiederzuerkennen, wie sie sich gegenseitig und alle Menschlichkeit in ihrem Dunstkreis vernichten. Inmitten dieser Brutalität ist es nur konsequent, dass sich die klangliche Ausstattung von Hersch als permanent dissonanter Klangteppich aus Rasierklingen und Reißnägeln darstellt: Harte, hämmernde, meist laut ineinandergeschobene Geräuschplatten, an denen das Ensemble Phoenix Basel unter Jürg Henneberger unnachgiebig arbeitete. Brutaler noch die Behandlung der vokalen Partien: Ah Young Hong (eine Ganzkörper-Poppaea), Steve Davislim (der bedrückt herumtippelnde Nero), Silke Gäng (Octavia) und ein kommentierender Theaterchor erarbeiteten sich Meriten in unangenehmen Lagen, schrill und unschönen Klang zelebrierend. Menschgewordene musikalische Unmenschlichkeit als Prinzip. So wird jede Sympathie für die Hauptdarsteller erfolgreich unterdrückt, 90 Minuten lang.

Verwunderlich ist sie trotzdem, diese Entscheidung für eine Ästhetik, die sich schon lange auf dem Scheiterhaufen der Musikgeschichte befindet und hier ein spätes Aufglimmen dank subventionsbefeuertem Odem erfuhr. Wien Moderns Warnung vor "Darstellungen von Gewalt und sexuellen Handlungen" derweil war kaum vonnöten: Ein wenig Theaterblut aus der Plastikflasche, fötale Silikonpuppen und keusch angedeuteter Sex in Markus Bothes Regie hätten keinem Schulkind die Schamesröte ins Gesicht treiben können.