Zwei Männer und rund tausend Plakate, die umgeblättert werden: Das ist das ungewöhnliche Konzept des Schweizer Kabarettduos "Ohne Rolf", bestehend aus Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg. Begonnen hat alles im Jahr 1999, als die beiden Schweizer, die einander über ihr gemeinsames Interesse an Zauberkunst und Theater kennen und schätzen gelernt hatten, sich in Luzern in schwarzen Anzügen mit starrer Miene auf die Straße stellten, vor sich ein Plakat mit der Aufschrift: "Hier gibt es nichts zu sehen." Jenen Passanten, die trotzdem stehen blieben, zeigten sie weitere Plakate: "Gehen Sie weiter, hier gibt es wirklich nichts zu sehen." Und: "Wir könnten eine Sekte sein!" Natürlich wurde die Menschentraube immer größer - das Plakatkabarett war geboren.

Im selben Jahr durften Anderhub und Wolfisberg dann die Stanser Musiktage moderieren - was sie mit Plakaten taten. Und weil ihre absurden Kalauer, schrägen Wortverdrehungen und pointierten Dialoge so gut ankamen, wurden sie gleich für zwei weitere Jahre engagiert. 2004 folgte dann das erste abendfüllende Bühnenprogramm. Mit Nummer fünf, das den Titel "Jenseitig" trägt, gastieren die beiden Mittvierziger am 18. Dezember im Wiener Stadtsaal. Wie ihr stummes, aber wortreiches Plakatkabarett funktioniert, warum sie sich eigentlich "Ohne Rolf" nennen, ob ihnen der viele Papierverbrauch keine Klimasorgen macht und was passiert, wenn sie sich einmal verblättern, darüber hat sich die "Wiener Zeitung" mit "Ohne Rolf" unterhalten - natürlich in einem rein schriftlich geführten E-Mail-Interview.

"Wiener Zeitung": Wie kam es zu diesem tatsächlich sehr ungewöhnlichen Konzept mit den geblätterten Plakaten?

Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg: Vor zwanzig Jahren fragten wir uns, wie wir die Aufmerksamkeit der Passanten auf der Straße unaufdringlich auf uns lenken könnten. Wir entschieden uns, sie wegzuschicken. Das führte dazu, dass wir uns mit kleinen Plakaten auf die Straße stellten, auf denen wir die Menschen schriftlich aufforderten, uns nicht zu beachten und bitte weiterzugehen, denn hier würde nichts passieren. Die Leute ignorierten unser Anliegen und blieben in Scharen stehen - unser erstes Publikum stand uns gegenüber und ermutigte uns somit, weiterzumachen. Aus der Straßen-Performance wurden dann kurze Auftritte, bei denen wir die Idee weiterentwickeln konnten. Heute touren wir mit fünf verschiedenen, abendfüllenden Programmen.

Ist das Ganze nicht ein wenig riskant? Sollten zum Beispiel mittendrin die Plakate durcheinandergeraten, dann gäbe es ja kaum eine Chance, aus der Nummer wieder rauszukommen . . .

Wir haben für ein abendfüllendes Programm tatsächlich mehr als tausend Plakate in unseren Kisten bereit. Natürlich schön ordentlich der Reihenfolge nach sortiert. Bei uns ist daher keine Improvisation möglich, falls uns ein Fehler passiert. Plakate können runterfallen. Man kann zwei Plakate auf einmal erwischen oder eines zu früh blättern. Von der Leiter fallen ist auch eine schöne Option. Aber genau mit diesen Fakten spielen wir gerne. Vieles wirkt bei uns spontan. Obwohl die Zuschauer eigentlich wissen, dass unsere Plakate alle vorgedruckt sind.

Bei Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg ist nichts spontan, auch wenn es so wirkt. - © ohnerolf.ch
Bei Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg ist nichts spontan, auch wenn es so wirkt. - © ohnerolf.ch

Welche Themen und Gags erwarten das Wiener Publikum im Dezember?

In unserem fünften und neuesten Programm "Jenseitig" nehmen wir uns der großen Fragen an. Urmenschliche Themen werden zu leichtgeblätterter, absurder Komik. Der Abend ist ein Balanceakt zwischen Diesseits und Jenseits. Plakative, aber erlesene Gags oder Wortspiele darf man bei "Ohne Rolf" auch immer erwarten.

Wie aktualitätsbezogen ist Ihr Plakatkabarett? Variieren Sie Ihre Programme auch einmal im Laufe der Spielzeit? Und blättern Sie in jedem Land das Gleiche?

Alle unsere Programme sind zeitlos. Unser erstes Programm "Blattrand" funktioniert mit denselben Plakaten wie bei der Premiere im Jahr 2014 heute noch genau gleich. Wir tauschen jeweils bloß einige Plakate aus, die aus sprachspezifischen Gründen zum Beispiel nur in Wien funktionieren. Außerdem haben wir auch Programme in andere Sprachen übersetzt, etwa auf Englisch, Französisch oder sogar Chinesisch.

Wird es auch politisch?

Nein. In unseren Programmen erlebt man viel absurde Situationskomik und das Spiel mit den unendlichen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, mit vorgedruckten Plakaten zu kommunizieren.

Aus Klimaschutzsicht könnte ja der Einsatz von so viel Papier und Druckerfarbe auch Kritik hervorrufen ...

Wir haben das einmal ausgerechnet: Wir haben während unserer ganzen Tätigkeit mit "Ohne Rolf" umgerechnet etwa einen Baum verblättert. Und dieser Baum erlaubte mehreren tausend Menschen zu lachen. Außerdem produzieren wir wenig Wortmüll.

Was kann das Blättern, was gesprochene Kabarett nicht kann?

Da wir still sind auf der Bühne, gibt bei uns das Publikum den Ton an. Wir hoffen, dass wir in Wien ein erlesenes Publikum begeistern und diesem entzückte Lach-Laute entlocken werden.

Bleibt die Frage: Wer ist Rolf?

Wir heißen "Ohne Rolf", weil es zu denken gibt.