Es hatten noch gar nicht alle Zuhörer in den schweren Ledersesseln im ORF Radiokulturhaus Platz genommen, als die Sänger auf der Bühne bereits miteinander tuschelten. Ja, eine echte Chorprobe eben. So lautet auch der Untertitel dieser Uraufführung. Der tobende Applaus, mit dem die Musiker ihren Dirigenten (Michael Schneider) begrüßten, den er selbst forciert und sichtlich genießt, lässt darauf schließen, dass es sich hier um eine hierarchische Beziehung handelt. "Alles kann passieren" ist eine komponierte Probensituation mit Unterbrechungen, zahlreichen Rügen des Dirigenten, einzelnen Musikern, die zusätzlicher Aufmerksamkeit des Leiters bedürfen.

Doch das ist nur das Setting, um etwas ganz anderes zu verhandeln: Der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici hat ein Libretto verfasst, in dem mehrere Ebenen mitschwingen. Es geht um die Vieldeutigkeit von Worten, wenn sich der Stimmfall verändert, und das Versiegen von Bedürfnissen einzelner Individuen, wenn eine autoritäre Leitfigur den Ton angibt.

"Alles kann passieren" bei einer Chorprobe: Dirigent Michael Schneider. - © Markus Sepperer
"Alles kann passieren" bei einer Chorprobe: Dirigent Michael Schneider. - © Markus Sepperer

Dies alles wird durch den sich mit der Musik spiralförmig verdichtenden Text vermittelt. "Es geht darum, das Unerhörte zum Klingen zu bringen" - ein Satz, der symptomatisch für diese Produktion stehen könnte. Norbert Sterk hat Musik für vier Sänger (Katrin Targo, Tanja Elisa Glinsner, Evert Sooster, Thomas Diestler), zwölfköpfigen Chor (Interpunkt) und Ensemble (reconsil) komponiert. Ihm gelingt es, trotz der Kleinteiligkeit ein als großes Ganzes empfundenes Werk zu kreieren, in dem die solistisch besetzten Instrumentalisten souverän agieren. Im Vertrauen auf die Kraft der Worte und die Präsenz der Mitwirkenden setzt Regisseur Michael Scheidl (netzzeit) dem subtil mehrdeutigen Text ein geerdetes Pendant entgegen.