Klingt wie "Hänsel und Gretel", nur ohne Lebkuchen und Brutalität: Irgendwo im Wald treibt ein Zauberer mit dem Hang zur Freiheitsberaubung von Minderjährigen sein Unwesen. Der Düsterling hält in seinem Schloss ein Dutzend Kinder gefangen, um sich mit deren Hilfe ein Unsterblichkeitsserum zu brauen. Auch Jorinde ist eingeschlossen: Ebenso wie ihre Schicksalsgenossinnen darf sie nur an einem "Goldmontag" ausnahmsweise der Langeweile des Schlosses entfliehen. Da trifft sie Joringel, mit dessen Hilfe sie letztlich alle befreien wird.

"Jorinde", im Original ein eher düsteres Märchen der Gebrüder Grimm, ist für den Zeitgeist zurechtgeschliffen worden (Text: Hans Echnaton Schano) und feierte nun im MuTh als Kinderoper Uraufführung: Das Stück kreist um die Themen Freiheit, Vielfalt, Selbstverwirklichung - und um ein toxisches Mannsbild, das dank einer Zauberflöte und einer magischen Blume entmachtet wird.

Jorinde (Katharina Adamcyk) mit Zauberflöte. - © Simeon Jaax
Jorinde (Katharina Adamcyk) mit Zauberflöte. - © Simeon Jaax

Dass die knapp 50 Minuten dieser Kooperation (Wiener Taschenoper, Wien Modern, Landestheater Linz) wesentlich kürzer wirken als eine Schulstunde, verdankt sich einer stimmigen Gesamtleistung: Katharina Adamcyk verleiht der Jorinde ein aufgewecktes Temperament, Jakob Pejcic dem Joringel charmante Verhuschtheit, während Johannes Schwendinger als Zauberer so grimmig knurrt, dass ein Kleinkind im Saal zu greinen beginnt. Hübsch, aber abstrakt das Bühnenbild von Aleksander Kaplun: Die klangschönen Choristinnen des Akademischen Gymnasiums Wien sind in Zelten gefangen, die Lichtprojektionen schmücken. Lob gebührt auch der grenzgängerischen Partitur: Maria Gstättner umrahmt eingängige Melodien mit Vibrafon-Dissonanzen, öffnet ihren vier Musikern (darunter Jazzgitarrist Martin Siewert) hie und da Improvisationsfenster und feiert das Happy End mit einem griffigen Popsong: entzückend.