Der Name Alfredo Catalani ist gleichbedeutend mit der Arie "Ebben? Ne andrò lontana". Diese ergreifend schöne Komposition, untrennbar mit den Namen Maria Callas und Renata Tebaldi verbunden, stammt aus der Oper "La Wally", welche äußerst selten auf den Spielplänen zu finden ist.

Dabei lassen sich bei näherer Betrachtung des zugrunde liegenden Romans "Die Geier-Wally" der deutschen Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern einige aktuelle Bezüge ausmachen: Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zum Beispiel, Inhalte unzähliger Diskussionen. Schicksalhafte Entscheidungen mögen sich mitunter weniger einschneidend auswirken als vor 150 Jahren. Dennoch. Emanzipation ist und bleibt ein heißes Eisen. Das gesellschaftliche Leben und die sozialen Strukturen gestalten sich auch heute auf dem Land völlig anders als in der Stadt. Der Stoff hat im Jahr 2021 durchaus seine Gültigkeit.

Nüchtern nicht zu ertragen

Der Neuproduktion am Theater an der Wien gelingt das in Bezug zu unserer Zeit Setzen der Geschichte über weite Strecken überzeugend. Die Beklemmung und Enge der alpin dörflichen Struktur bringen Barbora Horáková-Joly und ihr Team eindringlich auf die Bühne und auch ein Stück weit unter die Haut des Publikums.

Noch vor den ersten Takten von Catalanis Musik bündelt ein in schwarzweiß gehaltenes Video (Tabea Rothfuchs) die Aufmerksamkeit zu Klängen der Gruppe "Stimmhorn" und fräst sich regelrecht in das Tal mit seinen Unwägbarkeiten. Dementsprechend uneben fällt der Bühnenboden aus. Wer hier lebt, muss trittsicher sein. Im Tiroler Ötztal wird niemandem etwas geschenkt. Die Versatzstücke des ländlichen Soziotops sind allesamt vorhanden: Bergschuhe, Stutzen, Sensen, Trachten, Janker, Jäger, Speck, Würste und vor allem Alkohol. Viel Alkohol. Hier wird richtig gesoffen. Nüchtern ließe sich all das nicht ertragen.

Vincenzo Gellner wird von diesem schier ausweglosen Lebensmodell zermürbt. Jacques Imbrailo schafft es meisterhaft, die Verzweiflung und aggressive Passivität des Charakters darzustellen. Selbst schwach, labt er sich an Wallys Stärke. Echte Gefühle sind ein kostbares Gut in dieser rauen Umgebung. Besser im Stillen gehegt, als in aller Öffentlichkeit bloßgelegt. Gellner offenbart Wally erst dann seine Liebe, nachdem diese vom alten Stromminger bereits enttarnt worden ist. Alastair Miles stattet den zur Gewalt neigenden unbarmherzigen Patriarchen mit der nötigen Härte und Unerbittlichkeit aus. Er beißt jedoch auf Granit. Seiner Tochter geht ihre Freiheit über alles. Sie lässt sich nicht verheiraten, entscheidet sich stattdessen für Einsamkeit und Verbannung.

Ihr Herz schlägt für Giuseppe Hagenbach (viril Tenor Leonardo Capalbo). Von ihm brüskiert, fordert sie Gellner auf, Hagenbach zur Strecke bringen. Die Reue ob des rachsüchtigen Auftrags kommt zu spät. Die Dinge nehmen ihren verhängnisvollen Lauf. Izabela Matula in der Titelrolle besitzt alle für diese Partie nötigen Tugenden. Eine kernige Stimme mit schöner Höhe, ausdrucksstarkes Spiel, Energie, flammend rotes Haar. Catalanis hochdramatisch angelegte Musik findet in Andrés Orozco-Estrada am Pult der bestens disponierten Wiener Symphoniker einen intensiven Fürsprecher. Und trotzdem hat der Abend seine Längen. Die ausgedehnten Videoeinstellungen vor der Pause lassen die Konzentration abstumpfen. Der Arnold Schoenberg Chor wirkte anfangs seltsam blass, was vielleicht vom endlosen Kartoffel Schälen herrührte.

Die ästhetische Umsetzung der abgeschiedenen Bergwelt durch eine Stahlkonstruktion (Bühne und Kostüme: Eva-Maria Van Acker) und unzählige an Kohle erinnernde Gesteinsbrocken, gehüllt in viel Finsternis und Rauch im dritten und vierten Akt kann nur bedingt fesseln. Und dann wäre da noch das Fehlen der todbringenden Lawine. In Summe eine empfehlenswerte Repertoireerweiterung allein schon aufgrund der beherzten musikalischen Umsetzung.