Wenn die ersten Takte des Donauwalzers erklingen, hat man sofort das alljährliche Staatsballett zu Silvester nach den Schlägen der Pummerin vor dem geistigen Auge: wallende luftige Kleider in der Leichtigkeit des Walzerschritts in den Wogen des 3/4 Takts. Staatsballett-Chef Martin Schläpfer pfeift auf diese kollektive Walzerseligkeit, bürstet alle bekannten Wiener-Walzer-Klischees diesbezüglich gewaltig gegen den Strich. Zugegebener Maßen nicht leicht verdaulich - zu Beginn. Nach ein paar Minuten erkennt man die Faszination von Schläpfers Strauß-Choreografie "Marsch, Walzer, Polka", die im Rahmen des dreiteiligen Ballettabends "Im siebten Himmel" am Sonntag an der Staatsoper Premiere hatte.

Obwohl das Orchester der Staatsoper unter der Leitung von Patrick Lange sich mit Verve den Walzer-Klängen hingibt, setzt Schläpfer mit seinem Bewegungsrepertoire die eigene Geschwindigkeit entgegen, arbeitet oft mit Verzögerungen. Ketevan Papava etwa tanzt mit geflexten Füssen in Positionen mit parallel geführten Beinen und in Sprungschuhen gegen jedweden Walzerschritt - auch das gelingt ihr anmutig.

Zornausbruch

Eine andere Tänzerin wiederum wirft sich in der "Annen-Polka" zornig auf den Bauch und trommelt mit Fäusten und Spitzenschuhen auf den Boden. Vielleicht ein Mädchen in der Trotzphase, weil das zuvor Getanzte nicht so geklappt hat, wie es wollte? Oder Jackson Carroll küsst die Hand mit schlotternden Knien als irrwitziger Feldwebel der k. u. k. Monarchie im "Radetzky-Marsch". Die Kostüme der Designerin Susanne Bisovsky changieren zwischen bunter Folklore mit ungarischem Touch und schwarzen Spitzen-Ganzkörperanzügen. Opulent und sehenswert sind diese, ebenfalls weit entfernt vom Gewohnten.

Hände als Krallen in Marco Goeckes Uraufführung "Fly Paper Bird". - © Staatsballett / Ashley Taylor
Hände als Krallen in Marco Goeckes Uraufführung "Fly Paper Bird". - © Staatsballett / Ashley Taylor

Gleichermaßen ungewöhnlich dann der zweite Teil des Abends: Choreograf Marco Goecke lehrt mit seiner Uraufführung "Fly Paper Bird" das Staatsballett fliegen. Entmenschlicht werden hier die Tänzer zu Bewegungsmaschinen. Sie zucken, krampfen in Staccato-Tempi, die Finger werden zu Krallen. Zu Satz zwei und vier aus Gustav Mahlers Fünfter Symphonie lässt Goecke das Staatsballett die Oberkörper verrenken, Schultern oder Arme vibrieren. Im Hintergrund auf der schwarzen Bühne und den zum Teil schwarz gekleideten Künstlern ist eine weiße Taube zu sehen, die sich im Lauf des Stückes erheben wird. Rebecca Horner haucht ein Ingeborg-Bachmann-Gedicht, dessen Worte man aber nicht versteht. Die Tänzerinnen und Tänzer leisten Großartiges in dieser skurrilen Tanzwelt.

Versöhnung

Staatsballett-Chef Schläpfer weiß, wie er sein ob dieser Programmierung vielleicht bisher vor den Kopf gestoßenes Wiener Publikum wieder für sich gewinnen kann: Als der Vorhang für das dritte Stück des Abends in die Höhe geht, hört man - nach dem verhaltenen Applaus zuvor - ein beglücktes Raunen im Zuschauerraum: Da sind sie ja, die Ballerinen in den weißen Tutus mit Diademen. In George Balanchines "Symphonie in C" nach George Biszets Werk demonstriert das Ensemble seine stilistische Vielseitigkeit, die Solisten wie Hyo-Jung Kang mit Masayu Kimoto, Liudmila Konovalova mit Alexey Popov oder auch Kiyoka Hasimoto mit Davide Dato zeigen höchstes technisches Können. Lediglich das Damen-Ensemble lässt etwas an Grazie unter anderem in den Armführungen vermissen.