Fiepende Töne. Leises Surren. Ein bedrückender Soundteppich legt sich von Anfang an über diese Inszenierung von "Geschichten aus dem Wiener Wald": Die Soundtüftlerin Mieko Suzuki mobilisierte einiges, um den Figuren auf der Bühne das Gefühl zu vermitteln, nicht frei atmen zu können. Im Bühnenbild von Johannes Schütz wird man ebenfalls nicht heimisch. Im Grunde ist die Bühne ein leerer Raum, bestückt mit Versatzstücken, hier ein schwarzes zickzackförmiges, raumhohes Gerüst, dort Podeste und Stufen. Die weitläufige Bühne des Burgtheaters als nachtschwarzer Nicht-Ort, an dem man keine fünf Minuten freiwillig verweilen möchte. Gute Nacht, Wiener Gemütlichkeit.

Greta Goiris knallbunte Kostüme zitieren wiederum die 1930er-Jahre, die Entstehungszeit von Ödön von Horváths berühmten Drama, sie wirken zugleich zeitlos und absichtsvoll unelegant. Gefällig ist hier rein gar nichts.

Trost in Verzweiflung

Schaut noch friedlich aus, aber gleich knallt’s: Sarah Viktoria Frick und Nicholas Ofczarek. - © Matthias Horn
Schaut noch friedlich aus, aber gleich knallt’s: Sarah Viktoria Frick und Nicholas Ofczarek. - © Matthias Horn

Johan Simons, Intendant des Schauspielhauses Bochum, durchleuchtet in seiner Wiener Horváth-Deutung die unerträglichen Härten des Daseins. Der 75-jährige Regisseur aus den Niederlanden taucht tief hinab in das Schadstoffhaltige des kleinbürgerlichen Milieus, richtet den Fokus auf den Überlebenskampf von Menschen, die sich immer nur einen Fußbreit entfernt vom sozialen Abgrund wissen. Unsentimental und ohne Wiener Lokalkolorit, mit dem man Horváth gewöhnlich einfriedet.

Die dreistündige Inszenierung ist das Comeback von Nicholas Ofczarek, der lange nicht mehr am Burgtheater in einer Neuproduktion zu sehen war; 2010 spielte er übrigens in Stefan Bachmanns missglückter "Wiener Wald"-Inszenierung an der Seite von Birgit Minichmayr den Lebemann Alfred; bei Simons verkörpert er nun den Fleischhauer Oskar, eine der schlimmsten Schreckensfiguren im Horváth’schen Menschenzoo. Ofczareks Oskar ist seltsam stoisch, beinahe zart, wirkt irgendwie unbeholfen und hölzern, als wäre er sich selbst nicht ganz geheuer; zugleich muss er ein unerschöpfliches Reservoir an Aggression und Wut in sich verbergen, denn von einem Augenblick auf den anderen vermag er Marianne derb am Schopf zu packen. Jede Umarmung der unglücklich Liebenden gleicht einem Ringkampf. Überhaupt gerät Simons Inszenierung ziemlich körperlich: Wann immer sich Marianne mit Männern einlässt, kommt es zum Gerangel, zum Herumkugeln auf dem Bühnenboden; erotisch ist da überhaupt nichts mehr; wenn gestöhnt wird, dann aus schierer Verzweiflung. Simons lässt sich viel Zeit, die Inszenierung riskiert immer wieder Momente der Stille und des Stillstands, die manchmal zu Leerläufen führen. Sarah Viktoria Fricks Darstellung der Marianne ist alles andere als gewöhnlich. Sie ist nicht - wie häufig in der Horváth-Rezeption - das liebevolle, zerbrechliche Wesen, vielmehr verleiht sie ihrer Marianne etwas Kämpferisches und Bockiges, ihr Leitstern: trotziger Mut. Wie diese junge Frau mit aller Kraft versucht, ihrem Herkunftsmilieu zu entfliehen, wie sie gedemütigt, verraten und verlassen wird, geht einem ans Herz. Falls es so etwas wie ein feministisches Horváth-"Fräulein" überhaupt geben kann, kommt Fricks energetische Darstellung dem ziemlich nahe. Sylvie Rohrer legt die Trafikantin Valerie selbstbestimmter an, als es das Stück vorsieht, Felix Rech spielt den Bonvivant Alfred mit schmieriger Grandezza.

Verrohte Gesellschaft

Flankiert werden sie von einem bis in die kleinsten Nebenrollen leidenschaftlich agierenden Ensemble: Maria Happel legt als Baronin einen fulminanten Kurzauftritt hin, Oliver Nägele ist als Zauberkönig ein grandioser Jammerlappen, Daniel Jesch ein cool-boshafter Havlitschek, Jan Bülow ein oberschlauer Erich.

Simons legt mit "Geschichten aus dem Wiener Wald" keinen unterhaltsamen Theaterabend vor. Regisseur und Ensemble gelingt indes ein bedrückendes Abbild einer durch und durch verrohten Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht und zwischen den Geschlechtern Eiszeit ausgebrochen ist. Geschichten für die Gegenwart, die einen Nerv treffen.