Theater und Verzicht? Künstlerisches Schaffen und ökologischer Fußabdruck? Größer könnten die Gegensätze wohl nicht sein. Zumindest könnte man das aus der bisherigen Theatergeschichte ableiten. Doch Fakt ist, dass die Klimakrise auch vor Kunsteinrichtungen nicht haltmacht. Nur Mülltrennung und Papiereinsparungen an den Theatern werden den Klimawandel wohl nicht aufhalten. Einige Initiativen von Theatern in Österreich und Deutschland beschäftigen sich bereits umfassend mit der unumgänglichen Frage: Wie können Theater nachhaltiger werden?

"Das ist eigentlich die gemeinste Frage, die man stellen kann. Denn im Grunde genommen müssen wir ja alle nachhaltiger handeln", sagt Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens der Berliner Festspiele. Der erste Schockmoment, wenn man hören würde, dass Theater nachhaltiger werden solle, beinhalte das Gefühl, dass man nicht mehr das machen dürfte, was man am Theater eben machen würde. "Aber es geht nicht um Vermeidung, sondern es geht darum, Wege zu finden, um weiterhin Theater zu machen. Nur eben ressourcenschonender. Ich meine damit nicht, die Hälfte der Premieren zu streichen oder gar Theater zu schließen, das wäre auf den ersten Blick das Nachhaltigste. Aber das wollen wir ja nicht. Die Frage lautet: Wie kann Theater zukunftsfähig bleiben?", so Büdenhölzer. Freilichtaufführungen bei Kerzenschein sind nicht die Lösung.

Yvonne Büdenhölzer. - © Neumann
Yvonne Büdenhölzer. - © Neumann

Ein durchschnittliches deutsches Stadttheater verbraucht rund 2,2 Millionen Kilowattstunden Energie pro Jahr, was 880 Tonnen CO2-Emissionen entspricht, wie die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich berichtete. Die Stellschrauben zu finden, um diese Emissionen zu reduzieren, ist kein leichtes Unterfangen. Dafür geht das Wiener Burgtheater aus Eigeninitiative seinen individuellen Weg: "Zum einen stellen wir uns ganz praktisch den Vorgaben des Österreichischen Umweltzeichens und es gibt aktuell auch Überlegungen, sich nach EMAS (Anm.: höchste europäische Auszeichnung für systematisches betriebliches Umweltmanagement) zertifizieren zu lassen", so die stellvertretende kaufmännische Direktorin Wiebke Leithner. Ferner gibt es Nachhaltigkeitsbeauftragte, "die sich inhaltlich intensiv mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und für die notwendigen Veränderungsprozesse Strukturen schaffen". Dabei geht es auch um die praktische Umsetzung der Nachhaltigkeit: "Wir planen gerade die Montage einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Burgtheaters, und wir evaluieren wirklich laufend, welche Maßnahmen wir setzen können: Wie wir den Energieverbrauch noch weiter senken können, beispielsweise durch LED-Lampen, oder wie wir das Recycling von Bühnenbildern noch weiter forcieren können", so Leithner.

Freiwilligkeit

Gesetzlich geregelte Vorgaben zur Emissionsreduzierung und zur Nachhaltigkeit von Kulturinstitutionen gibt es in Österreich nicht, alle Initiativen beruhen auf Freiwilligkeit. So auch das bereits erwähnte Österreichische Umweltzeichen. "Mit den heimischen Theatern sind wir gerade in der Pilotphase, in der sich schon einige Theater das Konzept anschauen und sich überlegen, wie die Nachhaltigkeits- und Umwelt-Kriterien des Umweltzeichens an Theaterhäuser umgesetzt werden können und was noch zusätzlich im Vergleich zu Veranstaltern und Tourismus gebraucht wird", erklärt Regina Preslmair aus dem Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Der Anforderungskatalog ist auf der Homepage für jeden frei verfügbar, es gibt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Für die transparente Umsetzung wurde eine Software integriert. "Es soll so nachweisbar und einfach wie möglich gehen", so Preslmair. Außerdem gäbe es Berater im System, das im Rahmen von Umweltförderung Inland recht großzügig unterstützt werde. Die Zertifizierung für Theater werde nächstes Jahr schon möglich sein.

Mobilität als Klimasünder

Für die Berechnung, die ja in Österreich mit dem System des Umweltzeichens bewerkstelligt werden kann, greift man beim Berliner Theatertreffen auf einen speziellen Rechner zurück: Dieser wurde von der Initiative Julie’s Bicycle in England für Kultureinrichtungen, -veranstaltungen, Konzerte und Festivals entwickelt. "Es kann ja auch erst einmal darum gehen, die Struktur zu bilanzieren, bevor man sich der Kunst widmet. Allein schon ein Haus auf seine CO2-Emissionen zu kalkulieren, ist ein Anfang", beruhigt Katharina Fritzsche. Sie zeichnet beim Berliner Theatertreffen für Organisation verantwortlich und ist im EMAS-Umweltteam von Kulturveranstaltungen des Bundes tätig.

Neben der Strukturevaluierung ist vor allem die Mobilität der Mitarbeiter und der Künstler ein wichtiger Faktor zur Klimabilanzierung: Gastensembles, Publikum und internationale Künstler reisten bisher auch in Österreich per Flugzeug an. "Wenn etwa das Burgtheater selbst zu Gastspielen reist, dann fahren wir nun immer mit dem Zug - außer die Entfernung erlaubt es nicht", so Leithner. Auch bei den Leading-Teams und Schauspielern versuche man, eine klimafreundliche Lösung zu finden, und gerade mit den Kollegen und Kolleginnen aus dem deutschsprachigen Raum würde man an einem Strang ziehen.

Katharina Fritzsche. - © privat
Katharina Fritzsche. - © privat

Das kann Büdenhölzer vom Berliner Theatertreffen nur bejahen: "Für uns als Bundeseinrichtung ist es bereits verpflichtend, dass wir Wien, Zürich, Paris von Berlin aus nicht mehr anfliegen. Das ist eine Weisung." Und ist ein Flug einmal unausweichlich, dann werden die Emissionen ausgeglichen: "Wir kompensieren die Flüge damit, dass wir für ein Moor sorgen, das CO2 dauerhaft bindet. Das ist ausgetrocknet und wird wiedervernässt. Das ist freiwillig und beruht auf einer Entscheidung unserer Geschäftsführung", so Fritzsche.

Kunst oder Umwelt?

Und wenn diese Bemühungen, die zum Teil noch in Kinderschuhen stecken, nicht ausreichen werden, um den Klimawandel zu bekämpfen? Wird man sich als Veranstalter einmal die Frage stellen müssen: Kunst oder Umwelt? "Ich hoffe nicht. Das wäre total falsch. Da würde ich lieber die Frage stellen: Wirtschaft oder Umwelt?", sagt Büdenhölzer. Die Kunst ist dafür da, diese Themen zu bearbeiten. "Das ist ja ein spannender Aspekt, denn wie stellt man Klimakrise auf der Bühne da? Sie ist total abstrakt. Kathie Mitchell etwa hat an der Schaubühne für ihre Inszenierung ,Kein Weltuntergang‘ mit drei Fahrradfahrer auf der Bühne den Strom für ihre Vorstellung selbst erzeugt, Kostüme und Bühne sind aus alten Beständen upgecycelt", erzählt die Leiterin des Theatertreffens. "Auch Friday for Future sagt: Liebe Kunstschaffende macht weiter, ihr müsst das Thema auf der Bühne behandeln und groß machen. Aber völlig klar ist: Man kann nicht so weitermachen wie bisher", ist Büdenhölzer überzeugt.

Geladene Produktionen für das Theatertreffen werden bisher nicht auf ihre Nachhaltigkeit geprüft, denn dann wäre man ganz schnell in der Kunstfreiheitsfrage. Büdenhölzer: "Wir arbeiten an den vielen anderen Stellschrauben. Und ich denke, dass es zukünftig nicht anders funktionieren wird, als mit strengen Regeln und vielleicht sogar Klimabudgets."