Stephen Sondheim ist am 26. November 2021 im Alter von 91 Jahren in seinem Landhaus in Connecticut gestorben. Der US-amerikanische Komponist und Texter galt als einer der bedeutendsten im Bereich des Musicals. Mit seinen Texten für Leonard Bernsteins "West Side Story" und dem von ihm selbst getexteten und komponierten "A Little Night Music" (1973) erlangte er Weltgeltung. Mit "Sweeney Todd" (1979) hielt er auch Einzug auf den Opernbühnen.

Sondheim wurde am 22. März 1930 in New York als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Als Kind erhielt er Klavierunterricht und zeigte eine Neigung für eine Karriere im Bereich der sogenannten E-Musik. Prägend war dann allerdings, als er er sich als Zehnjähriger mit Jimmy Hammerstein anfreundete, dem Sohn der Broadway-Legende Oscar Hammerstein. Sondheim schrieb eine Show für eine Schulaufführung und ließ sie von Oscar Hammerstein beurteilen. Dessen Reaktion fiel zwar äußerst kritisch aus, aber er erkannte Sondheims Genie und lehrte ihn das Handwerk, indem er ihm die Aufgabe stellte, vier verschiedene Stücke zu schreiben: ein Musical, das auf einem guten Stück basiert; ein Musical, das auf einem schlechten Stück basiert; ein Musical, das einen Roman oder eine Kurzgeschichte als Grundlage hat und noch nicht dramatisiert wurde; ein Musical mit einer Originalstory.

Keines dieser "Stücke" wurde professionell produziert. Aber welche Nase Sondheim bei der Auswahl hatte, zeigte sich, indem er für das Musical nach einem Roman oder einer Kurzgeschichte P. L. Travers' "Mary Poppins" wählte. Allerdings kam es zu keiner Aufführung, da Sondheim nicht die Rechte für den Stoff erhielt.

Studium und Durchbruch

Sondheim absolvierte ein geregeltes akademisches Kompositionsstudium bei Milton Babbitt, der als Komponist ein Vertreter der Zwölftontechnik und serieller Verfahren war. 1950 schloss Sondheim seine Ausbildung am Williams College in Williamstown (Massachusetts) mit magna cum laude ab.

1954 schrieb er Musik und Text für "Saturday Night". Die Show kam allerdings erst 1997 im Bridewell Theatre in London zur Uraufführung.

Den Durchbruch hatte Sondheim als Fünfundzwanzigjähriger - allerdings nicht als Komponist, sondern als Texter: 1957 schrieb er die Gesangstexte für Leonard Bernsteins "West Side Story" und zwei Jahre später für Jule Stynes "Gypsy". In beiden Fällen stammte das Buch von Arthur Laurents.

1962 folgte dann der Durchbruch auch als Komponist mit "A Funny Thing Happened on the Way to the Forum", in dem sich Sondheim auf Komödien des römischen Dramatikers Plautus bezog und sie mit aktuellen Anspielungen würzte.

Nachdem "Anyone Can Whistle" ein Fehlschlag war, schrieb Sondheim zum letzten mal Texte für einen anderen Komponisten, und zwar für "Do I Hear a Waltz?" von Richard Rodgers, einem der Komponisten, die mit Oscar Hammerstein eng zusammenarbeiteten.

Darauf folgt eine Reihe von Musicals, von denen zahlreiche zu wahren Legenden des Genres wurden: "Company" (1970), "Follies" (1971), "A Little Night Music" (1973, 1977 mit Elizabeth Taylor verfilmt), "Pacific Overtures" (1976), "Sweeney Todd" (1979),
"Merrily We Roll Along" (1981), "Sunday in the Park with George" (1984), "Into the Woods" (1987),
"Assassins" (1990), "Passion" (1994), "Bounce" (2003), "The Frogs" (2005, entstanden 1974) und "Road Show (2008)".

Für seine Werke wurde er mit einem Oscar, neun Tony Awards, mehreren Grammy Awards einem Pulitzer-Preis und der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet.

Intellektuelle Musicals

Sondheim schrieb bis zuletzt Texte und komponierte. Im September 2021 kündigte er in der Fernsehshow von Stephen Colbert ein neues Musical namens "Square One" an.

Mit 40 Jahren hatte Sondheim sein Coming Out. Im Jahr 2017 heiratete er seinen Lebensgefährten Jeff Romley.

Sondheim hielt an Leonard Bernsteins Überzeugung fest, derzufolge das Musical als genuin US-amerikanisches Musiktheater dieselbe intellektuelle Höhe haben könne wie die europäische Oper. 

Demzufolge sind Sondheims Musicals sowohl inhaltlich als auch musikalisch anspruchsvoll. Es bedarf schon einer umfassenden eigenen Bildung und einigem Vertrauen in die des Publikums, Plautus als Vorlage für ein Musical ("A Funny Thing Happened on the Way to the Forum") zu wählen. "Toll trieben es die alten Römer" war ein derartiger Erfolg, dass Richard Lester die Show mit Zero Mostel und Buster Keaton verfilmte.

Sondheim war kein klassischer Hit-Schreiber, sieht man von einigen wenigen Nummern ab wie "Send In The Clowns" (aus "A Little Night Music"), sondern verstand es, seine Songs aus der dramatischen Situation heraus zu entwickeln. Sie funktionieren auf dieser Ebene als Teil des Bühnengeschehens. Ihr Eigenwert wird zur Nebensache.

"Sweeney Todd", eine schwarzhumorige Geschichte, ist, auch mit der thematisch durchkonstruierten Musik, im Prinzip eine Oper und wurde dementsprechend auch von Opernhäusern gespielt, die sich sonst Musicals eher verschließen. Sondheim selbst allerdings hat dieser Einstufung wiederholt widersprochen, weil seiner Auffassung nach die Produktionsweise die für ein Musical übliche war: Sondheim notierte wie stets  lediglich die Gesangsstimmen und eine Art erweiterten Klavierauszug, vertraute die Ausarbeitung und die Instrumentierung aber einem Arrangeur an, dessen Arbeit er dann einer Endredaktion unterzog.

Sondheims sprödestes Werk ist "Pacific Overtures", ein Musical, in dem die Musik oft nur Akzente setzt. Das Werk zitiert Methoden des japanischen No-Spiels.

"Sunday in the Park with George" bezieht sich auf den pointillistischen Maler Georges Seurat. Dementsprechend komponierte Sondheim eine aus kleinen Elementen zusammengesetzte, nahezu minimalistische Musik, während er "A Little Night Music" auf diverse Walzertypen stützt und den grellen Märchenmix "Into the Woods" mit einer bizarren Musik ausstattet, die nach erwachsen gewordenen Kinderliedern klingt. Dass Sondheims größter Einfluss Leonard Bernstein war, ist stets deutlich zu merken, aber nirgends deutlicher als in "A Funny Thing Happened on the Way to the Forum", das stellenweise wie eine Hommage an dessen "Candide" anmutet.

Die Behandlung der Stoffe und die oft thematisch durchgearbeitete Musik heben Sondheims Musicals aus der Menge der produzierten Stücke heraus. Marcel Prawy, der mit Sondheim befreundet war, meinte einmal, es sei ein Wunder, dass Sondheim dennoch Erfolg habe. Es kann gut sein, dass dieser Stephen Sondheim nicht nur Erfolg gehabt hat, sondern dass er einer der ganz wenigen Musical-Komponisten war, die für die Ewigkeit geschrieben haben.