Corona kann naturgemäß alles ändern, kann noch einen dicken Strich durch die Rechnung machen, die da lautet, dem deutschen Feuilleton Futter zu geben. Wenn aber die Inzidenz in Schleswig-Holstein, derzeit bei 152,7 gerechnet auf 100.000 Menschen, weiterhin als hinnehmbar empfunden wird, kommt am 11. Dezember an der Oper Kiel Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" zur Uraufführung. Das will immerhin was heißen bei einem Werk, das sich seit 30. September 1791 über die ganze Welt ausgebreitet hat.

Wobei es ja nur eine Teiluraufführung ist. Da ist nicht etwa in einer Katakombe einer Kieler Werft eine verstaubte Kiste aus dem Besitz Antonio Salieris gefunden worden und darin ein rattenbenagtes Manuskript eines zusätzlichen "Zauberflöten"-Akts; nicht einmal, dass einer der professionellen Fragmentfertigsteller von Anton-Bruckner- und Gustav-Mahler-Sinfonien aus drei eben gefundenen Takten zwei unbedingt wichtige Arien und ein essenzielles Duett zur "Zauberflöte" nachzutragen gehabt hätte - das alles nicht.

Schlechte Texte

Es geht um die Dialoge und eine Arie. Die hat der deutsche Star-Dramatiker Roland Schimmelpfennig, meistaufgeführter zeitgenössischer Bühnenautor deutscher Sprache, neu geschrieben.

Warum? - Wer das wüsste!

Ach so: Schlechter Text, der originale vom Emanuel Schikaneder. Zumal die "Zauberflöte" sowieso in der heutigen Zeit ein Problem-Werk ist wegen des Monostatos, laut originalem Personenverzeichnis "ein Mohr", der erschröcklicherweise obendrein nicht zu den Guten des Personeninventars gehört. Da muss man nacharbeiten.

Aber das Umtextieren von Opern? - Ist so etwas statthaft?

In der Sowjetunion wurde es praktiziert. Auch in der DDR war es zeitweise üblich. Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner karikierten diese Praxis in der Nummer "Der volkseigene Wagner".

Oder geht es doch um literarische Qualität? - Beharrlich hält sich eine Legende: Es gäbe Opern, die trotz ihres verblasenen Librettos einen festen Platz im Repertoire hätten. Und zwar wären das die Opern Richard Wagners, "Der Troubadour" und "Die Macht des Schicksals" von Giuseppe Verdi, "Fidelio" von Ludwig van Beethoven und eben "Die Zauberflöte".

Wagner ist zweifellos ein Sonderfall. Er hat, es kann nicht deutlich genug angemerkt sein, auch vehemente Verteidiger seines textdichterischen Könnens. Sowohl Elke Heidenreich als auch Marcel Reich-Ranicki, beides Literaturkritiker von hohen Graden, sind bei Wagners Texten zumindest ambivalent insofern als sie unterscheiden zwischen der dramatischen Durchführung und dem dichterischen Vermögen oder Unvermögen.

Die beiden Verdi-Opern? - Wer ihnen Unlogik und Handlungslöcher vorwirft, kann gerne als Musterbeispiel für Spannung gehandelte Thriller Alfred Hitchcocks unter dem gleichen Aspekt unter die Lupe nehmen: "Vertigo" - logisch? "Der unsichtbare Dritte" - frei von Handlungslöchern? Es ist wie bei Hitchcock wie bei Verdi und bei Verdi wie bei Hitchcock: Wahrscheinlichkeit egal, Hauptsache Spannung.

Bleiben "Fidelio" und "Zauberflöte". "Fidelio" ist, zugegeben, eine Katastrophe, und dass die Wiener Staatsoper die gesprochenen Dialoge in neuer Kurzversion brachte, ist akzeptabel. Dass sich der originale "Fidelio" trotz der unterirdischen Original-Dialoge auf der Bühne bewährt, liegt daran, dass er eine Manifestation von Beethovens Ethos ist. Das ist stark genug, um die Textschwäche zu überwinden.

Aber die "Zauberflöte"? - Ja, gewiss, wenn man in sie eine ganze Philosophie hineingeheimnisst und dann draufkommt, dass die hineingeheimnisste Philosophie nicht drin ist, ist es leichter, Schikaneder die Schuld zu geben als dem eigenen übersteigerten Ansatz. Wobei man ein Stück Fisch durchaus wie ein Schnitzel zubereiten kann - nur darf man sich nicht wundern, dass es dennoch wie Fisch und nicht wie Schnitzel schmeckt.

Dunkle Wörter

Wenn man die "Zauberflöte" nimmt als eine der Wiener Zauberpossen und Hanswurstiaden, knallbunt und wirr, unveredelt durch das Genie Ferdinand Raimunds, getragen nur von den Schauwerten der einzelnen Szenen, bedarf es keiner Neutextierung - auch nicht einer der Dialoge, auch nicht einer durch einen überdurchschnittlichen Gegenwartsdramatiker.

Es ist hier nicht der Platz für eine Analyse von Schimmelpfennigs Überschreibungen. Das muss andernorts geschehen. In Kürze beobachten lässt sich nur eine Inflation von Reizwörtern wie aus Horrorgeschichten: Es wimmelt von "Angst" (13 Mal), "Entsetzen" (6 Mal), "Panik" (4 Mal), "Grauen" (3 Mal). Die Dialoge sind obendrein lang und schwer zu sprechen. Wie Sänger damit umgehen, zumal solche, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, stellt sich als pragmatische Frage. Dass sich eine Schere öffnet zwischen den modernen Dialogen und Schikaneders Gesangstexten, wird wohl als intendiert behauptet werden, fällt freilich dennoch störend ins Gewicht.

Und wie ist das eigentlich mit der Rollenprosa? Genau die erwartet man doch von Bühnengestalten - also, dass ein Bankdirektor wie ein Bankdirektor spricht und nicht wie der Ganove, der ihn gerade überfällt. Monostatos, der "Mohr" des Originals, ist zwar keiner der Guten, dennoch, oh, diese genialen aufklärerischen Freimaurer Schikaneder und Mozart, gibt es jedem Menschen einen Stich ins Herz, wenn er sich in einer Arie als "hässlich" bezeichnet und sich daher für unwert der Liebe fühlt.

Texte sind nicht heilig

Schimmelpfennig schreibt das um, als würde sich heute niemand mehr aufgrund einer Hautfarbe, die man stellvertretend lesen könnte für das physische Erscheinungsbild, für hässlich und daher ausgestoßen halten aus der begehrenswerten Welt der Schönen, die uns die Fernsehserien täglich vorgaukeln. Was schert der Wille eines Autors, wenn die politische Korrektheit offenbar nicht einmal mehr Rollenprosa zulässt?

Wie annotiert Schimmelpfennig doch seinen Eingriff? "Meine Meinung: Schikaneder ist nicht heilig."

Womit Tür und Tor geöffnet sind für Änderungen aller Art. Wenn der Text nicht schlecht ist, kann man ihn immer noch als schlecht behaupten. Zweifellos: Ein Libretto ist nicht heilig. Aber, und wenn es tausendmal Mist ist: Es ist der Mist, auf dessen Basis der Komponist seine Musik schrieb. Das gilt auch für gesprochene Dialoge. Man kann Georges Bizets "Carmen" in den Dialogen nicht zu einer Posse unter Astronauten umschreiben.

Dass einerseits Text und, mittels Regie, das Geschehen auf der Bühne für vogelfrei zu erklärt wird, andererseits in der Ausführung der Musik aber alles schief angeschaut wird, das nicht der sogenannten originalen Aufführungspraxis mit ihrem Diktat einer (sogar nur eingebildeten) historischen Korrektheit entspricht, ist, nebenbei bemerkt, ein ästhetischer Spagat, den nur das deutsche Feuilleton bewundernd mitvollziehen kann.

Als Publikum bleiben einem immerhin noch Bronner und Qualtinger. Absolut nicht zu verachten und nicht umgeschrieben. Bis jetzt.