Man müsse sich nicht entscheiden zwischen Mozart-Stilen, meint Musikdirektor Philippe Jordan. So klingt der neue Mozart, den der Dirigent an der Staatsoper aufzubauen angetreten ist, auch: unentschlossen. Zwischen die existenziellen Tiefenschürfer, rasenden Leichtgewichte und zuspitzenden Extremisten lässt sich dieser "Don Giovanni" musikalisch nicht einordnen. Er bleibt bei der gestreamten Premiere am Sonntag ungreifbar, geradezu unangreifbar, entzieht sich immer wieder elegant. Die Tempi moderat, der Klang ausgewogen. Aufregend ist dieser Mozart nicht.

Und doch: Die Unaufgebrachtheit, die live nur eine Handvoll Journalisten miterleben konnte, hat Qualitäten. Erstens lässt sie Mozart einfach Mozart sein, stülpt ihm nichts auf. Die Flüchtigkeit des Titelhelden wird damit eher zum musikalischen Leitgedanken als der final drohende Höllenschlund. Zweitens ist die Produktion unglaublich präzise gearbeitet mit einer Ensemble- und Pianokultur, die ihresgleichen sucht. Es ist ein Feilen an Nuancen, das vor allem aufgeht, weil die Solisten unverwechselbar charaktervoll besetzt sind. Die glutvolle Eleganz von Kate Lindseys Elvira, die leidenschaftliche Dramatik von Hanna-Elisabeth Müller als Donna Anna und die substanzvolle Lyrik der Zerlina von Patricia Nolz sind eine Freude. Ebenso der baritonale Klang von Stanislas de Barbeyracs Tenor als Ottavio und der vitale Bassbariton von Peter Kellners Masetto. Diese vokalen Zwischentöne wären dem allzu dominanten Gestaltungswillen eines Dirigenten wohl zum Opfer gefallen. Ob dieser vokale Feinschliff der Konzentration des Lockdown geschuldet ist oder hier ein frischer Ensemble-Stil entsteht, wird sich weisen.

Zerklüftete Felsspitzen: Mit pastellfarbenen Schmetterlingen hat die jähe Wucht des Begehrens in Koskys "Don Giovanni" nichts gemein. 
- © Staatsoper / Michael Pöhn

Zerklüftete Felsspitzen: Mit pastellfarbenen Schmetterlingen hat die jähe Wucht des Begehrens in Koskys "Don Giovanni" nichts gemein.

- © Staatsoper / Michael Pöhn

Betriebstemperatur: düster

Szenisch ist die Sache mindestens so komplex. Denn Hausregisseur Barrie Kosky schickt "Don Giovanni" kurzerhand in die Wüste, genauer: in die schwarze Steinwüste. Die Verortung an diesem Un-Ort (Bühne: Katrin Lea Tag) macht nur auf der Metaebene Sinn. Die Seele ist ein schroffes Land, könnte man mit Kosky sagen: düster, steinig, unwirtlich. Die Freiheit des menschlichen Geistes kann diese Ödnis kurz in ein grünes Paradies verwandeln. Der dort angesiedelte Maskenball wirkt jedoch mehr wie der überzeichnet ausgelassene Drogenexzess einer Gruppe Neo-Hippies.

Weniger Diener und Herr als vielmehr ein eng verbundenes Vater-Sohn-Gespann: Giovanni Kyle Ketelsen und Leporello Philippe Sly (rechts). - © Staatsoper/Michael Pöhn
Weniger Diener und Herr als vielmehr ein eng verbundenes Vater-Sohn-Gespann: Giovanni Kyle Ketelsen und Leporello Philippe Sly (rechts). - © Staatsoper/Michael Pöhn

Als realer Ort der Handlung machen weder die Felsen noch die unmotivierte Wassergrotte im letzten Akt Sinn. Sie stellen bestenfalls die Betriebstemperatur der Oper ab dem ersten Bild auf düster. Doch optische Schwärze allein ist noch nicht existenzialistisch. Seelenvolle Tiefe kann auch in knallbunt daherkommen. Was Kosky seinem Giovanni mit der Schwärze verweigert, ist jegliche Form der Sinnlichkeit. Die braucht dieser Verführer auch nicht. Der souveräne wie präsente Kyle Ketelsen als unbesorgter Titelheld setzt bei seinem Staatsoperndebüt auf die eingeflüsterte Macht der Fantasie. Nichts ist schließlich stärker als die Vorstellungskraft. In dieser Verweigerung und Reduktion treffen sich Stärken und Schwächen der Inszenierung. Barrie Kosky streicht alle Klischees - von der Schmeichelei bis zu Degen und Mandoline. Die einzigen Waffen der Figuren sind Steine jeder Größe - und Worte. Der Giovanni, den er zeichnet ist kein süßlicher oder schelmischer Schwerenöter, er ist der pure, kraftvolle Triebimpuls.

Stimmlich und darstellerisch starke Gegenspielerinnen des Verführers: Im Hintergrund Hanna-Elisabeth Müller als Donna Anna, vorne die lyrische Patricia Nolz als jugendliche Zerlina. - © Staatsoper/Michael Pöhn
Stimmlich und darstellerisch starke Gegenspielerinnen des Verführers: Im Hintergrund Hanna-Elisabeth Müller als Donna Anna, vorne die lyrische Patricia Nolz als jugendliche Zerlina. - © Staatsoper/Michael Pöhn

Konsequent streicht Kosky jene Szene in Zeitlupe heraus, in der Giovanni bekennt, Frauen dringender zu brauchen als die Luft zum Atmen. Es ist alles andere als kokett. Frauen gegenüber bleibt Giovanni emotional letztlich unberührt, wie Barrie Kosky in seiner präzisen Personenführung herausarbeitet. Die einzige Figur, der er väterlich zugetan ist: der humorig präsente Leporello des Philippe Sly.

Banaler Tod in Blutrot durch Umarmung: Giovanni (Kyle Ketelsen) quasi in Familienaufstellung zwischen Leporello (Philippe Sly) und dem blutig-untoten Komtur (Ain Anger). - © Staatsoper/Michael Pöhn
Banaler Tod in Blutrot durch Umarmung: Giovanni (Kyle Ketelsen) quasi in Familienaufstellung zwischen Leporello (Philippe Sly) und dem blutig-untoten Komtur (Ain Anger). - © Staatsoper/Michael Pöhn

Jenseits der feinen Psychologisierung auch der starken Frauencharaktere, bleibt vieles vage, ungenau, unausgewogen: Dass die Figuren vom ständigen Kraxeln müde allzu oft an der Rampe stranden; dass der Komtur als blutverschmierter Untoter von der Bühne spaziert, um im irritierend banalen Finale einer doppelt tödlichen Drei-Generationen-Familienaufstellung wiederzukehren. Dass alle ständig mit Steinen spielen. Transzendental ist hier nichts.

Erschütternder Zündfunke

Was Kosky mit diesem schwarz unterkühlten Giovanni dennoch gelungen ist: Die Reduktion auf die zentrale Analyse des ewigen Begehrers - zum Verführer wird er innerhalb der Oper ja nicht. Giovanni ist der Zündfunke im Leben der anderen Figuren, der in ihnen die Alternative zum eigenen mäßig aufregenden Lebensentwurf aufblitzen lässt. Darin liegt die wahre Gefahr, die von menschlichem Begehren, von Don Giovanni ausgeht: Sich aus der planbaren wie gewöhnlichen Bahn der eigenen Existenz herausgerissen zu sehen, in den Fundamenten erschüttert, alles in Frage stellend. Mit süßen Schmetterlingen im Bauch hat diese jähe Wucht des Begehrens nichts gemein. Die fundamentale Bedrohung der bürgerlichen Existenz ist es auch, die Giovanni zu Fall bringt. Sie muss mit ihm sterben. Koskys Lesart ist bei allen Stolpersteinen anzurechnen, dass sie den Blick auf diesen sehr irdischen Wesenskern des Begehrens freigibt.