Der Weg zur Bühne schien für sie vorprogrammiert: Bereits mit 15 Jahren spielte Gertraud Jesserer ihre erste kleine Filmrolle neben Romy Schneider in "Die Halbzarte" (1958). Bald darauf wurde die Wienerin ins Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen, dass sie 1960 vorzeitig verließ, um in Molnárs "Liliom" am Theater in der Josefstadt zu debütieren. Neun Jahre lang blieb sie bei der Traditionsbühne, überzeugte in zahlreichen Schnitzler, Hofmannsthal und Nestroy-Inszenierungen als Charakterdarstellerin.

Gertraud Jesserer als Gunhild Borkman und Likas Miko als Erhart Borkman in Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" im Jahr 1999 im Wiener Akademietheater. 
- © APA / Hans Klaus Techt

Gertraud Jesserer als Gunhild Borkman und Likas Miko als Erhart Borkman in Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" im Jahr 1999 im Wiener Akademietheater.

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Nach einem kurzen Zwischenstopp in Hamburg kam sie 1973 unter Direktor Gerhard Klingenberg ans Burgtheater, die Kammerschauspielerin blieb dem Haus als Gast bis zuletzt verbunden. So eine langjährige Bindung an ein Haus hat in der Branche mittlerweile Seltenheitswert. In zahlreichen herausragenden Theaterproduktionen war sie zu sehen - etwa in den Luc-Bondy-Inszenierungen von Horváths "Figaro lässt sich scheiden" (1998) und Tschechows "Die Möwe" (2000) oder in Andrea Breths "Maria Stuart" (2006).

Die Schauspielerin Gertraud Jesserer kam bei einem Wohnungsbrand ums Leben.  
- © APA/ROLAND SCHLAGER

Die Schauspielerin Gertraud Jesserer kam bei einem Wohnungsbrand ums Leben. 

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"Magische Ausstrahlung"

"Es gibt sie nicht oft, diese Ausnahmekünstlerinnen in der darstellenden Kunst, denen es gelingt, die ganze Breite des Genres spielend auszufüllen. Gertraud Jesserer war eine von ihnen", zeigte sich Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler vom Tod Jesserers betroffen. Tatsächlich gingen Jesserer Klassiker genauso von der Hand wie zeitgenössische Stücke, im Akademietheater sah man sie etwa 2018 in Luk Percevals gewagter Romeo-und-Julia-Überschreibung "Rosa oder Die barmherzige Erde" in der Rolle einer Dementen und zuletzt 2019 in "Zu der Zeit der Königinmutter".

Die feinfühlige Schauspielerin überzeugte immer wieder mit kraftvollen Figuren und erwarb sich im Lauf der Jahre redlich den Verlust des Vornamens: "Die Jesserer", ein Ehrentitel, den einem nur das Theaterpublikum verleihen kann. An anderen Auszeichnungen fehlte es der Kammerschauspielerin übrigens keineswegs - von der Kainz-Medaille über den Nestroy-Ring bis zur goldenen Ehrenmedaille der Stadt Wien wurde sie mit Lorbeeren überhäuft. Publizist Michael Horowitz bezeichnete Gertraud Jesserer in einer Laudatio treffend als "Schauspielerin mit magischer Ausstrahlung", als "Frau voller Zauber" und eine der "größten Menschendarstellerinnen dieser Stadt".

Schicksalsschläge

Neben ihrer Bühnentätigkeit wirkte sie auch in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit. In den fast 100 Folgen der Stegreifserie "Familie Leitner" war sie als "Gerda" mit dabei. In TV-Filmen wie Wolfgang Murnbergers "Taxi für eine Leiche", Esther Wengers "Ein ganz normales Paar", Benoit Jacquots "Princesse Marie" oder 2012 mit Thomas Nennstiels "Nicht mit mir, Liebling" spielte sie an der Seite von Catherine Deneuve, Anne und Heinz Bennent, Karlheinz Hackl und Elisabeth Orth. Im Kino sah man sie etwa 2003 in Peter Payers "Ravioli" als Mutter von Alfred Dorfer oder 2004 im Psychothriller "Lautlos".

In ihrem Privatleben musste Gertraud Jesserer indes einige Schicksalsschläge verkraften. Sie war mit dem Schauspieler Peter Vogel verheiratet, mit dem sie zwei Söhne hat. Sie lebte von Vogel schon länger getrennt, als er 1978 Suizid beging. Ihr Sohn Nikolas Vogel starb im Juni 1991 während eines Bombardements als Kriegsberichterstatter und Fotograf am Flughafen in Ljubljana, der jüngere Sohn ist Gastronom in Wien. Am 9. Dezember, vier Tage vor ihrem 78. Geburtstag, kam sie bei einem Wohnungsbrand in Wien-Alsergrund ums Leben. Eine wie "die Jesser" wird fehlen.