Die Menschheit ist ihrer Freiheit beraubt. In Trostlosigkeit und latenter Gewaltbereitschaft leidet sie an einer Wunde, die sich nicht schließen will. Was die traurig verlorenen Kreaturen noch aufrecht hält, ist die weihevolle Erzählung eines Lebens jenseits des Kerkers.

Es ist ein starkes Vermächtnis der Gegenwart, das der russische Regisseur Kirill Serebrennikov in die wirkmächtigen Bilder seiner Inszenierung von Wagners "Parsifal" eingeschrieben hat: Die Gralsritter sind hier Insassen und Wärter der abgelegenen Haftanstalt Monsalvat, Amfortas (eindrucksvoll: Wolfgang Koch) die graue Eminenz der Eingeschlossenen. An und mit seiner ewigen Wunde leiden hier alle. Gurnemanz (sonor souverän: Georg Zeppenfeld) ist der Tätowierer, dem alle vertrauen, Parsifal der Neuankömmling, der gleich einmal gegen die Regeln verstößt und einen Häftling tötet. Die Pandemie liest sich hier schnell als schier ewige Wunde der Menschheit in einer Welt, in der Freiheits- und Wahrheitssucher in Haft sind - durch das Virus oder wie Kirill Serebrennikov selbst, der die Produktion per Video quasi aus dem Hausarrest inszenieren musste.

Zur Wahrheit verdammt

Gralssuche im Gefängnis: Brandon Jovanovich (Parsifal), Anja Kampe (Kundry), Wolfgang Koch (Amfortas). - © STOP / Michael Pöhn
Gralssuche im Gefängnis: Brandon Jovanovich (Parsifal), Anja Kampe (Kundry), Wolfgang Koch (Amfortas). - © STOP / Michael Pöhn

So weit, so bestechend. Auch dass die zur Wahrheit verdammte Kundry (stark nur im zentralen Akt: Anja Kampe) als Journalistin eine Reportage aus dem Gefängnis macht und von Chefredakteur Klingsor (ebenfalls präzise: Wolfgang Koch) unter Druck gesetzt wird, passt in diese Logik. Sogar die Blumenmädchen als Mode-Redakteurinnen, die mit dem jungen Toren Parsifal ein Foto-Shooting mit christlichen Symbolen veranstalten, passen noch irgendwie ins Bild. Mehr geht sich bei aller Liebe zu neuen Sichtweisen nicht aus. Denn der Mythos der Gralssuche selbst ist in der Übersetzung Serebrennikovs zerborsten. Die komplexen Tiefenschichten opfert der Regisseur auf dem Altar seiner in eindringlichen Bildern erzählten Gegenwärtigkeit. Was als Essenz gedacht ist, erweist sich als Eindimensionalität.

Die Figuren und Beziehungen sind nicht fertig erzählt, sind vom Gefängnisgrau gleichgemacht, die Stringenz der Geschichte bleibt stecken, der Gralsenthüllung fehlt jegliche Erhabenheit. In der Doppelbesetzung des Parsifal als singende, sich gealtert erinnernde Figur (souverän: Brandon Jovanovich) und andererseits als jugendliches Schauspieler-Ich (sehr präsent: Nikolay Sidorenko) blitzt in Augenblicken Sinn auf, aufgelöst wird auch diese Idee nicht. Die heilige Quelle wird zum Gartenschlauch, der Speer zum Stahlrohr. Ergreifende Heiligkeit stellt sich hier nicht ein.

Was Serebrennikov mit diesem "Parsifal" gelingt, ist eine dringliche wie unerschrockene Anbindung des mythischen Stoffes an die bedrohliche pandemische wie repressive Gegenwart. Er arbeitet dabei mit starken Analogien und poetisch-grausamen filmischen Mitteln. An der Komplexität und der transzendentalen Dimension des "Parsifal" scheitert seine allzu konkrete Lesart jedoch.

Die Bild-Klang-Schere

Ungeteilte Zustimmung gab es für dieses Konzept der starken Bilder und der schwachen Stringenz keineswegs. Bereits nach dem ersten Aufzug, der nach Wagners Wünschen in Stille verklingen sollte, wetteiferten Buh- und Bravo-Rufer in einem lautstarken Chor. "Mist-Inszenierung" warf ein erboster Zuseher in die Stille vor dem dritten Aufzug. Das wienerische Echo - "Geh’ ham!" - hatten in den Pausen davor einige befolgt.

Einigkeit herrschte in der alles andere als ausverkauften Wiener Staatsoper bei dieser "Premiere vor Publikum" am Mittwoch, was die musikalische Seite betrifft - im Frühjahr konnte die Produktion ja nur digital starten. Musikdirektor Philippe Jordan stand - wie meist dieser Tage - am Pult. Sein Wagner ist fein gearbeitet, stets nuanciert und bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Jordan ist ein wahrer Balance-Meister, kein Detail, kein Sängerton geht hier unter. Wohlklingender lässt sich Wagners Heilsuche kaum erzählen. Dringlicher und geheimnisvoller, berührender und abgründiger allerdings allemal.

Darin tut sich der wohl deutlichste Widerspruch des Abends auf: Dieser allzu logische, ja klarsichtige Klang will nicht so recht passen zu den dunklen, inkohärenten Bildgewalten.