Die scheue und vergrübelte Berta hat auf den ersten Blick so gar nichts mit der überlebensgroßen Figur der Medea gemein, und dennoch wird auch Berta zur Kindsmörderin, sie sediert ihre achtjährige Tochter und den 13-jährigen Sohn mit Schlafmitteln und erwürgt sie mit bloßen Händen.

Berta ist die Hauptfigur in "Die Schwerkraft der Verhältnisse", einer Erzählung von Marianne Fritz, die am Samstag, 18. Dezember, erstmals auf die Bühne gebracht wird. Bastian Kraft bringt die Dramatisierung mit Katharina Lorenz in der Hauptrolle im Akademietheater heraus. Mit dieser Uraufführung setzt das Burgtheater die Bemühungen um die Wiederentdeckung zu Unrecht vergessener Autorinnen fort, im Vorjahr war etwa Anna Gmeyners "Automatenbüfett" zu sehen.

Verhärtung, Verrohung

Marianne Fritz in den 1970er Jahren. - © Digne Meller-Markovicz
Marianne Fritz in den 1970er Jahren. - © Digne Meller-Markovicz

Was veranlasst Berta zu dieser Schreckenstat? Auf 109 Seiten umkreist die Autorin diese Frage, ohne sie bündig zu beantworten, vielmehr zeichnet sie ein beklemmendes Gesellschaftsporträt vom Leben einfacher Leute in der fiktiven Stadt Donaublau. Die Erzählung setzt bei Kriegsende ein und reicht bis Anfang der 1960er Jahre. Das Nachkriegspanorama ist geprägt von Verhärtung und Verrohung. Berta sieht für ihren Nachwuchs keine Perspektiven, sie sind als Sonderschüler stigmatisiert, im Buch werden sie einmal als "arme Hascherln, richtige Krepiererln" bezeichnet, aus "denen eh nichts geworden wäre".

"Die Schwerkraft der Verhältnisse", erschienen 1978, war zugleich das literarische Debüt von Marianne Fritz, das prompt mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet wurde. Startschuss für ein so außergewöhnliches wie sperriges Werk und ein Leben als Außenseiterin.

Die Autorin, 1948 im steirischen Weiz geboren und in Vorarlberg aufgewachsen, lebte seit den 1970er Jahren in Wien, gab kaum Interviews, scheute die Öffentlichkeit, aber schrieb bis zu ihrem frühen Tod nach einer schrecklichen Krankheit im Alter von 57 Jahren unermüdlich an ihren enigmatischen Texten im XXL-Format. Ihr erster Roman, "Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani" (1980), umfasste bereits 560 Seiten, darauf folgte ihr auf vier Teile angelegtes Opus Magnum, der Romanzyklus "Die Festung", eine verästelte Geschichte des österreichischen Proletariats vom Ersten Weltkrieg bis weit ins 20. Jahrhundert.

Band eins, "Dessen Sprache du nicht verstehst", misst etwa 3.500 Seiten, die Folgewerke "Naturgemäß I und II" kommen zusammen auf 7.000 Seiten und etwa 1.000 Figuren, der Abschlussband blieb ein Fragment. Der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler schrieb über dieses Opus Magnum: "Ich halte das für eines der wichtigsten Prosawerke des 20. Jahrhunderts und auch des beginnenden 21. Jahrhunderts." Auch Elfriede Jelinek verneigte sich vor dem Oeuvre: "Es ist ein singuläres Werk, vor dem man nur stehen kann wie ein gläubiger Muslim vor der Kaaba" aber sie gab auch zu: "Wahrscheinlich bin ich im ganzen zu klein für Marianne Fritz, sie geht nicht in mich hinein." So wie Jelinek erging es vielen, das experimentelle Riesenwerk fand kaum eine Leserschaft.

Umso erstaunlicher, dass just das Theater diese Autorin für sich entdeckte. Seit 2002 setzte sich das Theaterkollektiv "Fritzpunkt", bestehend aus Anne Mertin, Fred Büchel und Susanne Hahnl, ausschließlich mit dem Werk von Marianne Fritz auseinander, mittels Installationen, Hörspielen und anderen szenischen Interventionen kam es zu erstaunlich stimmigen Aneignungen. Nach mehr als zehn Jahren löste sich "Fritzpunkt" auf.

"Ich glaube, diese Texte haben Zukunft", schrieb Schmidt-Dengler in seinem Nachruf, "vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber sicher übermorgen."