Von Zeit zu Zeit erkranken die Wiener Theater am Oscar-Wilde-Virus. Stecken sie damit das Publikum an, sind die milderen Symptome Schläfrigkeit, in schweren Fällen verkrampftes Lachen.

Die Josefstadt, gut ausgelastet bis zur Pause, nach der Pause etwas schütterer besetzt, zeigt jetzt die  miserabelste der miserablen Oscar-Wilde-Komödien: "Der ideale Mann", vormals korrekt übersetzt als "Ein idealer Gatte", mit einer Ensembleleistug, die, trotz der Textfassung von Elfriede Jelinek und trotz der Regie von Alexandra Liedtke, den Abend sehenswert macht.

Wie alle diese unnötigen Wilde-Komödien, ist auch diese um einen glänzenden Einfall herum gebaut, dessen Bühnenwirkung der Autor mit einer Flut bonmot-durchsetzter Geschwätzigkeit ruiniert: Was der Politiker Sir Robert Chiltern privat und beruflich ist, ist er durch eine vermeintlich sorgsam unter den Teppich gekehrte Schweinerei als Karrierestarthilfe. Sollte die ans Licht kommen, ist es mit Amt, Ehre und Ehe vorbei. Ausgerechnet in die Hände der Intrigantin Mrs. Cheveley fällt der Brief des Unheils. Bei aller berufsbedingten Angespanntheit mausert sich  ausgerechnet der müßiggängerische Dandy Lord Goring zum Problemlöser.

Im falschen Tonfall

Der daraus resultierende Redeschwall Oscar Wildes war der Josefstadt nun doch nicht ganz geheuer, und damit beginnt das - im konkreten Fall hausgemachte - zweite Unglück: die Überarbeitung der Übersetzung durch Elfriede Jelinek. Sie verpasst der blasierten Sprache Wildes den Friedrich-Dürrenmatt-Sound der unterschlagenen Subjekte. Jetzt wimmelt es von Verknappungen nach dem Modell ",habe gefragt‘ – ,habe geantwortet‘". Die Verderbung mit Modewörtern verdirbt den Tonfall: Das "Weichei"-Knalldeutsch bewegt sich in den Kreisen, die das Stück zeigt, auf der falschen Sprachebene.

Die Aufführung steht auf einem anderen Blatt: Johanna Lakner steckt die Frauen in grelle Kostüme und Lord Goring in blaue Schuhe. In Philip Rubners nackten, aber drehfreudigen Interieurs führen die Protagonisten ein Bodenturnen gemäß Alexandra Liedtke auf. In ihrer ballettösen Regie rennt und verbiegt man sich. Es wird auch reichlich gegrapscht: Cartoonschlüpfrigkeit für Bildungsbürger. Diese Rasanz trägt zwar zur Unterhaltung bei, nur: Sie passt nicht.

Welch glänzendes Ensemble!

Der Dandy mit seiner Traumfrau: Matthias Franz Stein und Katharina Klar. 
- © Philine Hofmann

Der Dandy mit seiner Traumfrau: Matthias Franz Stein und Katharina Klar.

- © Philine Hofmann

Die verordnete allgemeine Outrage wird von dem überragenden Michael Dangl (Sir Robert Chiltern) und der ihm gleichkommenden Silvia Meisterle fulminant umgesetzt. Matthias Franz Stein brilliert als Lord Goring auch ohne Unterhose. Voll bekleidet tun es ihm Katharina Klar (Mabel) und Michael Schönborn (Lord Caversham) gleich. Martina Stilp (Mrs. Cheveley) ist als Intrigantin so hinreißend, dass man es doppelt bedauert, wie unrühmlich Wilde sie ohne großen letzten Auftritt hinter die Bühne verbannt. Das übrige Ensemble (Tobias Reinthaller, Markus Kofler, Paul Matiæ, Elfriede Schüsseleder, Lisa Weidenmüller und Anna Leimanee) strahlt mit Josefstadt-Glanz.

Zum Schluss gibt‘s ein jämmerliches kabarettistisches Finale, das zwar nicht Oscar Wilde anzulasten ist, aber umso mehr die Frage stellt: Wenn man Komödie spielen will, warum muss es ausgerechnet der Langweiler Oscar Wilde sein? Und wenn es schon der Langweiler Oscar Wilde sein muss, warum spielt man den Oscar Wilde, als wäre er Eugène Labiche?

Habe dennoch gelacht. Ist auch beim Publikum gut angekommen. Hat applaudiert. Hat Silvia Meisterle, Michael Dangl und Matthias Franz Stein mit Bravorufen gedankt. Ist ein Erfolg gewesen.