Das kathartische Moment von Theater ist seit der Antike bekannt und so einfach wie wirkungsvoll: Tragische Schicksalsschläge lassen die Figuren auf der Bühne unermessliche Seelenqualen erleiden. Mit den Mitteln der Kunst werden die dabei erzählten Affekte zu allegorischen Spiegelbildern für das Publikum. Durch das in Kunst überhöhte Erleben dieser Regungen wird auch die Seele des Zuhörers, der Zuhörerin selbst geläutert, getröstet, ja quasi gereinigt.

Auch wenn dieses Konzept seit der Psychoanalyse wohl komplexer formuliert werden müsste als mit Aristoteles, diese Wirkmacht kollektiver Stoffe auf das individuelle (Wohl)befinden, macht bis heute substanzvoll gelungene Augenblicke etwa des Musiktheaters so kostbar. Sie gelingen immer dann, wenn es Musikern und Musikerinnen gelingt, die Zeitlosigkeit der in Text und Noten gegossenen menschlichen Regungen in der Gegenwart lebendig werden zu lassen. Die tönende Wahrhaftigkeit, die dabei entsteht, reißt die Zuseher aus dem sorgenvollen Trubel oder der gähnenden Ödnis ihrer eigenen Existenz, lässt die Zeit quasi stillstehen für ein reinigendes erfrischendes Bad in purer Emotion. Musik als Enklave in der Zeit beschreibt Philosoph Günther Anders diese Erfahrung.

Pure Affektstudien

Auch wenn das Prinzip so pathetisch wie einfach klingt: Die Momente, in denen sich in der musikalischen Praxis diese transzendentale Pforte öffnet, sind so kostbar wie rar. Bei der Premiere von Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare in Egitto" im Theater an der Wien am Freitag sind sie gleich mehrfach zu finden - und das nicht nur, weil Händel sich hier einmal mehr als wahrer Meister der puren musikalischen Affektstudien erweisen darf. Berückend sind etwa die Szenen und Arien der Cleopatra: Sopranistin Louise Alder gelingt in den substanzvollen Ausbrüchen an tiefster Verzweiflung, zartem Sehnen, finsterster Resignation oder taumelnder Siegesfreuden stets die Balance zwischen lodernder Dramatik und schwebender Lyrik. Ihr Sopran ist mühelos geführt, die Koloraturen dieser selbstbewussten wie schelmischen, jugendlich agilen Heldin machen in der feinen Rollengestaltung selbst in den Wiederholungen Sinn.

Auch Bejun Mehta als wenig herrischer, dafür umso nachdenklicher Giulio Cesare gelingen diese kostbaren Momente. Wenn er mit seinem packend präsenten, ja mitunter virtuos geführten Countertenor etwa angesichts des toten Feindes über die Vergänglichkeit der Macht und damit des Lebens sinniert oder nach seiner Rettung aus den Fluten sich aus größter Einsamkeit zum letztlich siegreichen Schlag aufrafft. Der Affekt der furiosen Rache ist an diesem Abend dem (etwas zu) lyrischen Counter Jake Arditti als um seinen Vater trauernder Sesto vorbehalten, die herzzerreißende Trauer seiner jäh verwitweten Mutter Cordelia (nicht ganz so souverän: Patricia Bardon). Für den Wahn des Machtstrebens ist in diesem Drama Christophe Dumaux als Cleopatras Bruder Tolomeo mit seinem sonor tönenden Countertenor zuständig.

Knorrige Reibflächen

Mit Ivor Bolton am Pult findet rund um diese teils packenden, teils berückenden vokalen Momente im Graben zwar keine Revolution statt, er ist es jedoch, der sie formt, sie behutsam führt und damit möglich macht. Denn Boltons Lesart ist - nicht zuletzt durch den wunderbaren Concentus Musicus - wohltuend wissend, von einem farbenfrohen Esprit getragen und versteht es, nicht nur klangliche Verdichtungen, sondern auch Momente der Stille dramaturgisch klug einzusetzen. Die hörbare Lust an der barocken Verzierung und die herrlich knorrigen Reibflächen an Klangfarben, die dabei in wippend geeinter Musizierfreude entstehen, trösten über manche Tücke historischer Intonationskunst.

Das nicht nachvollziehbare Setting der Inszenierung von Keith Warner stört da trotz der vielen, meist sinnlosen bewegungstherapeutischen szenischen Einfälle Gottseidank nur wenig.