Es ist wohl das Weihnachtsballett schlechthin: Pjotr Iljitsch Tschaikowskis "Nussknacker", uraufgeführt am 18. Dezember 1892 in St. Petersburg. 129 Jahre später ist es nun im Süden von Wien in der Bühne Baden als großes Ballett mit wunderbaren Kostümen und im TheaterOrt in Perchtoldsdorf als Sprechstück in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre zu sehen. Im Badener Stadttheater ist von der ursprünglichen Ballettadaption, die auf Alexandre Dumas’ Bearbeitung von E.T.A. Hoffmanns Erzählung basiert, allerdings nur das Grundgerüst vorhanden. Die Regie von Anna Vita biegt nämlich gleich zu Beginn scharf ab und geht neue Wege: Statt im familiären Wohnzimmer spielt das Ganze in einem Waisenhaus; böse Nachteulen ersetzen die Mäuse und müssen Schneeeulen weichen; Fritz ist nicht Claras garstiger Bruder, sondern ein Waisenknabe mit Spasmus.

Womit wir beim Hauptthema dieser Inszenierung sind: Inklusion. Fritz steht im Abseits, wird von den anderen Waisen verspottet. Nur Clara (Karina Gieler) steht ihm bei - was ihr oft nicht leicht fällt, denn Fritz ist selbst kein einfacher Charakter. Neben der Herausforderung, zwei Stunden lang die Fehlhaltung konsequent durchzutanzen, himmelt Yusuf Cöl als Fritz den lebendig gewordenen Nussknackerprinzen (Daniel Greabu) erst an, ehe sich eine gewisse Eifersucht einzuschleichen scheint, als sein Held mit Clara durchs zauberhafte Winter-Bühnenbild tanzt.

Nussknacker und Clara im innigen Tanz. 
- © Bühne Baden

Nussknacker und Clara im innigen Tanz.

- © Bühne Baden

Ulkige Schneeeulen ersetzen wackere Spielzeugsoldaten

Die Mimik ist hier genauso wichtig wie die Gestik, wenn etwa die Nachteulen boshaft grinsen, die Kinder vor Angst schlottern oder Fritz an der Welt verzweifelt ob seiner körperlichen Einschränkung, von der er sich aber nicht unterkriegen lassen will. Tapfer tanzt er an gegen seinen Spasmus - und rückt dabei Szene für Szene ein bisschen mehr in den Mittelpunkt, während der Nussknacker fast zur Nebenfigur gerät.

Vielleicht auch, weil er ganz alleine auf sich gestellt ist, ohne einen einzigen Spielzeugsoldaten, an deren Stelle ja die Schneeeulen zum Einsatz kommen. Erstere fehlen dann doch irgendwie, Letztere sorgen mit ulkigem Gehabe für humorvolle Auflockerung inmitten der fantastischen Romantik.

Leider ist die Handlung dann im zweiten Akt aufgebraucht - das freilich ist auch im Original so. Zunächst wird noch im Zauberpalast gefeiert - hier biegt Regisseurin Vita wieder auf ausgetretene Pfade ein -, mit wildem Bolero, exotisch-erotischem Arabischen Tanz, hinreißender Chinesischer Teekanne (Ran Takahashi) und einsamem Kosaken (Klauss Luli), dem man beim Trepak ein paar Kollegen wünschen würde. In der letzten Viertelstunde vor dem Finale mit Happy End für Clara und Fritz wird aber bloß noch um des Tanzens willen getanzt und nicht, um die Handlung voranzutreiben. Tänzerisch und musikalisch gibt es aber gar nichts auszusetzen, im Gegenteil, wie zahlreiche "Bravo!"-Rufe belegen. Fazit: Von Hoffmanns "Nussknacker und Mäusekönig" ist dieser Ballettabend teilweise ein gutes Stück entfernt. In sich ist er aber stimmig.

Auch ein hölzerner Nussknacker hat Gefühle

Während in Baden die beiden Folgevorstellungen mittlerweile ausverkauft sind, gibt es für den "Nussknacker" in Perchtoldsdorf (www.theaterort.at) bis 16. Jänner noch etliche Zählkarten (Beginn: jeweils 16 Uhr). Direkt mit jener der Bühne Baden vergleichen sollte man diese Produktion freilich nicht: Statt eines 28-köpfigen Ballettcorps stehen im TheaterOrt vier Personen auf der Bühne, und während in Baden mehr als zwei Dutzend Musiker den Tanz begleiten, ist es hier mit Antonia Teibler und Raimund Trimmel nur zwei.

Marie und Onkel Drosselmeier im TheaterOrt. - © Barbara Palffy
Marie und Onkel Drosselmeier im TheaterOrt. - © Barbara Palffy

Auch TheaterOrt-Librettist Gerald Maria Bauer hat den Stoff etwas umgekrempelt. Hier belebt das Mädchen Marie (Barbara Edinger) den Nussknacker (Victor Kautsch) und befreit damit den verschollenen Neffen von Onkel Drosselmeier (Thomas Neuer). Die große Gegenspielerin ist die Mutter eines niedlichen Mausekönigs (Teresa Schmid mit Puppe), die böse gemacht wurde. In der Regie von Birgit Oswald wird hier eine entzückende Geschichte über die Macht der Fantasie und den Wert von Familie, in der auch Sockenpuppen mitspielen. Und wir lernen: Auch ein Nussknacker hat Gefühle, selbst wenn er steif und hölzern agiert.

Der Mausekönig nit seiner Mutti. - © Barbara Palffy
Der Mausekönig nit seiner Mutti. - © Barbara Palffy

Wem beide Inszenierungen zu eigenwillig sind: Für Puristen kommen im Jänner das St. Petersburg Festival Ballet und das Hungary Festival Orchestra mit "Nussknacker und Mäusekönig" in die Wiener Stadthalle.