Würden die Theater die Wunschträume ihrer Direktoren auf die Bühne stellen, man könnte dort derzeit erbauliche Fiktionen begutachten. Das Ende der Corona-Krise, das Verschwinden der Lockdown-Qualen, die Wiederkehr der verlässlichen Abendtermine und ein entsprechend guter Kartenabsatz – das alles wäre zumindest auf den Bühnen wiederhergestellt.

Die Volksoper rückt seit Samstag tatsächlich Träume ins Rampenlicht; sie stammen aber nicht von gebeutelten Kulturarbeitern, sondern von einer gewissen Liza Elliott, Hauptfigur von "Lady in the Dark". Das Musical von Kurt Weill (Musik), Moss Hart (Buch) und Ira Gershwin (Liedtexte) hievte 1941 die angesagte Psychoanalyse auf die Bühne: Liza, die gebieterische Chefin eines Modemagazins, wird von ihren Ängsten in die Horizontale auf der Therapeuten-Couch bugsiert.

Drei Bühnenstunden vergehen, bis sie ihre Büro-Querelen und Angstträume geschildert hat und deren Urgrund erkennt – die Furcht vor der eigenen Verletzlichkeit. Theater zur höheren Ehre der Seelenforschung? Nur an der Oberfläche. Im Grunde erzählt "Lady in the Dark" die altbekannte "Am Ende kriegen sie sich doch"-Geschichte: Liza wird die Therapie nicht nur geläutert verlassen, sondern auch um die Erkenntnis bereichert, welcher der drei Herren in ihrem Umfeld der richtige ist. Wenig überraschend: Als goldrichtig wird sich ausgerechnet die Lästwanze aus dem Büro erweisen.

Es ist Weill wiederholt angekreidet worden, sich nach der Flucht aus Europa an die glatten US-Musikverhältnisse angepasst zu haben. Dem hat seine "Lady" wenig entgegenzusetzen. Die swingenden Tanznummern, der schmusige Hauptsong "My Ship" gehorchen den Shownormen rund um 1940 mustergültig. Gutes Handwerk aus der Melodienschmiede, aber keine Grenzgängerkunst zwischen E und U wie die "Dreigroschenoper".

Irrwitzige Wimmelbilder

Trotzdem besitzt die "Lady" eine gewisse Bühnenwirkung – weil sie Musik, Tanz und Show allein in Traumszenen einsetzt, deren Aberwitz an der Volksoper gebührlich zur Geltung kommt: Hans Kudlich (Bühne) schüttet ein Füllhorn an Phantasmagorien über der Szene aus. Im Traum tritt etwa jener Filmstar, den Liza tagsüber datet, als Glitzer-Cowboy aus einem Kühlschrank heraus; in einer anderen REM-Phase steht die Schläferin in einem Zirkus vor Gericht – anzusehen wie ein Stilmix aus Manegen-Revue und "Alice im Wunderland" (Kostüme: Susanne Hubrich), belebt mit quirligen Tänzen (Florian Hurler). Solche Wimmelbilder entschädigen auch ein wenig dafür, dass die Sprechszenen (in Büro und Therapie) für ein Musical marathonlang geraten sind.

Lichtblicke zudem: Julia Koci, die der Liza mit achtbarer Stimme und rescher Coolness Präsenz verleiht, und Hausherr Robert Meyer als profunder Therapeut. Daneben ein solides bis mäßiges Ensemble und eine routinierte Regie (Matthias Davids) in den Sprechetappen. Zuletzt sehr wohlgelaunter Beifall – wohl auch darum, weil das Orchester unter der schmissigen Leitung von James Holmes die Verbeugung begleitet.