Die kleine Blechmadonna zeichnet sich immer ein bisschen ab unter dem Spitalshemd von Berta. Das ist nicht schwer, mehr hat sie ja nicht mehr im Sanatorium "Die Festung". Das Kettchen hat ihr Wilhelm geschenkt. Ziemlich bald, nachdem er ihr mitgeteilt hat, dass Rudolf, der Vater ihres ungeborenen Kindes, im Krieg gefallen ist. Und ziemlich bald danach wiederum war Wilhelm der neue Vater von Bertas Kind. Bertas Freundin Wilhelmine hätte sowohl Wilhelm als auch die Blechmadonna gern gehabt. Aber diese Ersatzliebe, so viel ist schon zu Beginn von "Die Schwerkraft der Verhältnisse" erkennbar, ist nicht von Glück beseelt. Da sieht man die Schatten einer Mutter mit Tochter und Sohn - die beiden Kinder stehen auf und entschwinden.

"Die Schwerkraft der Verhältnisse" ist eine Erzählung der österreichischen Schriftstellerin Marianne Fritz. Sie ist eine der außergewöhnlichsten Gestalten der österreichischen Literaturgeschichte. Fritz schuf ein Mammutwerk, das Literaturwissenschafter so beeindruckt wie eingeschüchtert hinterließ. Diese vergleichsweise kurze Erzählung war ihr Debüt und lässt erahnen, welch ominösen Sog ihr Schreiben herzustellen vermag. Regisseur Bastian Kraft, der schon andere Prosa erfolgreich inszeniert hat, brachte die "Schwerkraft" nun genial im Akademietheater auf die Bühne.

Bissgurnhaftigkeit

Er arbeitet mit Schatten, die hinten auf die Bühne projiziert werden und die viel Interpretationsspielraum lassen: Der Schatten kann eine unverzeihliche Tat bedeuten (bei Berta), eine grausame Kriegserfahrung (Wilhelm), die Vorahnung eines tragischen Endes (die Kinder Rudolf und Berta) oder Ausdruck von besonderer Bissgurnhaftigkeit (bei Wilhelms zweiter Frau Wilhelmine) sein.

Bertas Schatten müsste theoretisch immer der größte sein, denn er war schon immer da. Als grüblerisch wurde sie bezeichnet, früher eine Umschreibung für Depressionen, die man sich nicht leisten konnte, wollte, durfte. Sie verzagte schon früh an der "Wunde Leben". Nur Rudolf und die "Aquarellen" von Josef Strauß holten sie aus dem wohl nicht nur kriegsbedingten Gemütsnebel. Als Wilhelm sie und die Kinder - angeblich aus beruflichen Gründen - immer öfter immer länger in der viel zu kleinen Wohnung (eine faszinierend bedrückende Kastl-Kredenz-Verschachtelungskonstruktion von Bühnenbildner Peter Baur) allein lässt, eskaliert die Hoffnungslosigkeit. Und Berta tötet beide Kinder. Die Muttergottes spielt wieder eine traurige Rolle.

Oft ist der Makel von Prosa, die auf die Bühne gezwungen wird, die trockene Rezitation, die die Geschichte erzählend weiterbringen soll, aber sie tatsächlich behindert. An diesem Theaterabend ist dies nie der Fall, Kraft gelingt eine dichte, kompakte, dabei mühelos wirkende Übersetzung in ein anderes Genre.

Tatzen des Lebens

Die Poesie der Ausweglosigkeit geht in dieser Inszenierung nie verloren, die auf unbefangene Art furchterregende Sprache von Marianne Fritz, in der sich Berta etwa nicht vor den "prägenden Tatzen des Lebens" retten kann, bekommt adäquat Raum. Und sorgt so für eine mitreißende, kurzweilige, aber auch nachhaltig eindrückliche Erzählung.

Daran haben aber auch die Darsteller nicht wenig Anteil: Katharina Lorenz spielt die Berta so zart verletzlich, dass sie fast durchsichtig wirkt. Markus Meyer ist als Wilhelm von schuldbeladener Liebenswürdigkeit. Nils Strunk liefert die Musik vom Bühnenrand und sieht so als Rudolf, den er auch spielt, dem tragischen Treiben zu. Und Stefanie Dvorak spielt Wilhelmine wie diese eine gutmeinende, aber gleichzeitig unerbittliche Freundin, die jeder kennt. Nur dass sie hier indirekt am Mord an den "Krepierln" Mitschuld trägt. Etwas inhomogen fügt sich Barbara Petritschs Figur der weisen Alten in das Ensemble. Sie allerdings erlöst Berta von ihren Sünden, womit Berta den bösen Traum Leben "ausgeschwitzt" hat. Nicht ohne zuvor Wilhelmine die Blechmadonna zu übergeben - die wohl bald merken wird, welche Last dieses Objekt ihrer Begierde sein kann.