Der virtuose und doch leidenschaftliche Pas de deux, in dem sich die Tänzerin geradezu waghalsig in die Arme ihres Partners wirft oder von ihm berauschend schnell gedreht wird, ist nur eines der Markenzeichen der choreografischen Handschrift von John Cranko (1927-1973). Dabei basiert seine Choreografie auf dem klassischen Ballett, dessen technische Vorgaben er mit Respekt auflöst. Seine Geschichten erzählt er nuanciert, ohne die damals typischen für sich stehenden Tanzeinlagen. Bei Cranko entsteht der Tanz stringent aus dem Verlauf der Erzählung.

Große Namen der Tanzwelt

1961 wurde der südafrikanische Choreograf als Ballettdirektor nach Stuttgart geholt, wo er binnen weniger Jahre aus der Kompagnie ein Ensemble mit weltweiter Bekanntheit aufbaute. Große Namen der Tanzwelt wie Marcia Haydée, Birgit Keil oder auch John Neumeier machte er zu Stars. Heute sind seine Handlungsballette Klassiker des Repertoires vieler renommierter Ensemble - wie "Onegin" für das Wiener Staatsballett. Am 23. Dezember begeht es die Wiederaufnahme des Meisterwerks und gewiss eines der erfolgreichsten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts.

Ketevan Papava in der Rolle der Tatjana. - © Ashley Taylor
Ketevan Papava in der Rolle der Tatjana. - © Ashley Taylor

In Crankos Version aus dem Jahr 1965 und der Überarbeitung aus 1967 von Alexander Puschkins Versroman "Eugen Onegin" (1830) fokussiert sich der Chorograf auf die unglückliche Liebesgeschichte von Tatjana und Onegin und rückt den gesellschaftskritischen Aspekt des Originals in den Hintergrund. Auch in der Wahl der Musik geht Cranko seinen eigenen Ideen nach: Obwohl die Opern-Partitur "Eugen Onegin" (1879) von Peter. I. Tschaikowski naheliegend wäre, beauftragte er Kurt-Heinz Stolze eine Auswahl an weniger bekannten Klavierstücken des Komponisten zu orchestrieren, sowie etwa die Fantasieouvertüre aus "Romeo und Julia" (1869) oder die Orchesterfantasie aus "Francesca da Rimini" (1876) einzubauen.

Abschiedsvorstellung

Seit 2006 ist "Onegin" fester Bestandteil des Repertoires an der Wiener Staatsoper, oftmals mit Gastsolisten. So auch in dem aktuellen Aufführungszeitraum bis 11. Jänner: Die neue Erste Solistin und erfahrene Cranko-Interpretin Hyo-Jung Kang als Tatjana trifft am 23. und 28. Dezember auf ihren ehemaligen Stuttgarter Partner Jason Reilly, der als Gast in dieser Vorstellungen zu sehen ist. 2006 erhielt Reilly den Deutschen Tanzpreis Zukunft, 2015 wurde ihm der Titel Kammertänzer am Staatstheater Stuttgart verliehen.

In den weiteren Vorstellungen werden etwa Erste Solisten wie Ketevan Papava, Marcos Menha (Rollendebüt als Onegin) oder auch Ioanna Avraam (Rollendebüt als Tatjana) tanzen.

Die Vorstellung am 11. Jänner ist der Ersten Solistin Nina Poláková gewidmet, die mit ihrer Interpretation der Tatjana an diesem Abend ihren Abschied vom Wiener Staatsballett nimmt.