Am Anfang war der Wein, erst viel später kam das Theater. Im 18. Jahrhundert befand sich im Vorderhaus der Kaiserstraße 93, (heute: Josefstädter Straße 26) das gut gehende Wirtshaus "Zum goldenen Strauß", im Hinterhof aber betrieb der Schauspieler Karl Mayer eine Spielstätte mit schlichter Ausstattung, nichts deutete zu Beginn auf den heutigen Prunk hin. Eröffnet wurde die Bühne im Jahr 1788 mit dem Lustspiel "Liebe und Koketterie", das Publikum amüsierte sich am pikanten Schwank, nur wurde im Eifer völlig übersehen, eine Spielgenehmigung einzuholen. Wochen später einigte man sich mit der Behörde.

Das Geschäftsmodell Kultur und Kulinarik florierte seinerzeit übrigens nicht nur in der Josefstadt, sondern in diversen Vorstadt-Etablissements etwa in der Leopoldstadt und in Margareten. Es war die Geburtsstunde des Alt-Wiener Volkstheaters, das sich fortan neben dem höfischen Theater und den volkstümlichen Hanswurstiaden einen eigenständigen Platz eroberte und maßgeblich den Ruf der Theaterstadt Wien mitbegründete. Robert Stallas zweibändiger Prachtband "Theater in der Josefstadt 1788-2030: Architektur, Theater, Kultur" spannt einen Bogen von der Gründung 1788 bis zur Gegenwart und gibt etwas großspurig auch einen Ausblick bis ins Jahr 2030. Auf 640 großformatigen Seiten entfalten die beiden opulent gestalteten Bildbände nicht nur eine detailreiche Geschichte der Bühne, sondern zeichnen auch kulturhistorische Entwicklungen nach.

Wo bleibt die Sommerbühne?

Der Autor ist Kunsthistoriker, Institutsvorstand und stellvertretender Dekan an der TU-Wien. In den kenntnisreichen Erläuterungen der Baugeschichte liegt gewiss die Stärke der beiden Bände, eine Fundgrube allein wegen der zahlreichen Lithographien und Kunststichen, den Originalplänen und neu angefertigten Rekonstruktionen. Stalla führt etwa aus, dass in der ursprünglichen Anlage aufgrund einer Unregelmäßigkeit in der Außenmauer kein einziger rechter Winkel existierte.

Interessant sind auch die Pläne für einen kompletten Neubau am Beginn des 19. Jahrhunderts, aus dem nichts wurde, stattdessen entwickelte Josef Kornhäusels 1822 die Hinterhof-Bühne weiter. Ein wesentliches Kapitel ist freilich der Neugestaltung unter Max Reinhardt gewidmet (1923/24), die dem Theater in der Josefstadt ihr heutiges Antlitz verlieh. Auch berichtet der Autor ausführlich über diverse Nebenspielstätten sowie die nicht realisierte Idee einer Sommerbühne.

Wie vielschichtig Bauentwicklung mit Kulturgeschichte verwoben ist, vermag Stalla eindrucksvoll zu belegen. Nur bei der theaterhistorischen Verortung - der Autor lässt die über 50 Direktoren Revue passieren, die die Geschicke des Theaters in 233 Jahren lenkten - kommt es zu Verknappungen und Vereinfachungen.