Beige, hier als Farbton der Langeweile und Unauffälligkeit eingesetzt, bestimmt das Bühnenbild von Hildegard Bechtler; eine halbrunde schmucklose Wand bildet im Burgtheater die Spielarena. In dieser klinischen Atmosphäre - Schauplatz des Stücks ist ein Privatspital zur Erforschung von Demenz - fechten elf Akteurinnen und Akteure ihre Machtspiele aus. Sie sind Ärzte, die Besten ihrer Zunft, und gehen in den kommenden zweieinhalb Stunden gnadenlos aufeinander los.

In "Die Ärztin" geht es um Religion versus Wissenschaft: Gläubige werden gegen Atheisten in Stellung gebracht, Frauen gegen Männer; Rassismus und Sexismus stehen auf der Tagesordnung, LGBTQ-Themen bleiben nicht ausgespart. Der britische Autor und Regisseur Robert Icke speist in seine "Professor Bernhardi"-Paraphrase so gut wie jedes gängige Diskursthema ein. "Die Ärztin" könnte also das Stück der Stunde sein. Könnte. Was ist schiefgegangen?

Frischzellenkur

Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" (1912) handelt vom skandalösen Karriere-Ende eines angesehenen Arztes, der als Jude von seinen Vorgesetzten systematisch bedrängt wird. Schnitzlers scharfsinnige Dialoge beschreiben den aufkeimenden Antisemitismus der Donaumonarchie, Nährboden für die NS-Ideologie. Das Stück durfte bis zum Ende der Habsburgermonarchie in Österreich nicht aufgeführt werden; in den Zwischenkriegsjahren wurde es kaum gezeigt, erst in jüngster Zeit erlebt es als schockierendes Sittenbild sein verdientes Revival.

Robert Icke hat sich mit Klassiker-Überschreibungen einen Namen gemacht. Ähnlich wie der Australier Simon Stone verlegt der 34-jährige Icke den dramatischen Konflikt gern in die Gegenwart. Wenn es der Aktualisierung dient, werden auch Figuren verändert: Aus Professor Bernhardi wird in "Die Ärztin" eine Frau namens Ruth Wolff; sie ist jüdisch, lesbisch, eine Koryphäe der Demenzforschung und Gründerin der Privatklinik. Dazu modelliert Icke schwerfällige Akte zu raschen Szenenabfolgen, die Sprache wird alltagstauglich umformuliert. Im Idealfall beschert diese Frischzellenkur neue Sichtweisen auf Altbekanntes.

In "Die Ärztin" ist die Bearbeitung jedoch zu glatt gebürstet; ein eher bieder geratenes Wellmade-Play mit geschmeidigen Banalitäten und abgegriffenen Klischees. Das ist besonders bedauerlich, da das Sujet durchaus Substanz birgt.

Icke setzt seine Bearbeitung eigenhändig am Burgtheater in Szene. Sein inszenatorischer Coup stellt dabei das sogenannte Blind Casting dar, derzeit vor allem im Film beliebt. In "Die Ärztin" stellt dabei der Münsterianer Philipp Hauß den farbigen Pfarrer dar, während der dunkelhäutige Bless Amada den hellhäutigen Michael Copley spielt, Bardo Böhlefeld wiederum verkörpert die Pressefrau Rebecca Roberts, Maresie Riegner die Transgender-Figur Sami. Colour und Gender - alles hybrid, alles nur ein großes Spiel.

Fraglich ist allerdings, ob Blind Casting ausgerechnet bei einem Stück, in dem es um Colour- und Gender-Themen geht, der richtige Ansatz ist. Regisseur Icke scheint sich im Lauf der Aufführung jedenfalls nicht mehr ganz sicher zu sein. Die Szene im Fernstudio, als Ruth Wolff in einer Talkshow vor laufender Kamera als Rassistin verunglimpft wird, besetzt er auf "herkömmliche" Weise: Bless Amada spielt darin auf einmal einen schwarzen Aktivisten, die türkischstämmige Schauspielerin Zeynep Buyraç eine muslimische Frau. Traut die Regie ihrem eigenen Konzept nicht mehr? Das bleibt eines der ungelösten Rätsel dieser Inszenierung.

Mit Gunther Eckes, Sandra Selimović, Melanie Sidhu, Stacyian Jackson (punktgenau als Gesundheitsministerin) und Zeynep Buyraç ist das Burgtheater-Ensemble in dieser Inszenierung jedenfalls so interkulturell besetzt wie nie zuvor. Das ist ein Erdrutsch, ein Paradigmenwechsel an Österreichs Nationalbühne.

Ambitioniertes Projekt

Ein Wellmade-Play lebt von seiner naturalistisch-leichtfüßigen Darstellung. Funktioniert dies reibungslos, können selbst Kalenderspruchweisheiten bedeutungsvoll klingen - was Philipp Hauß im finalen Zwiegespräch mit Sophie von Kessel beweist. Vieles vom szenischen Miteinander fällt in "Die Ärztin" aber leider ziemlich steif aus, man hört auf der Bühne förmlich das Papier rascheln. Selbst eine Größe wie Sophie von Kessel findet zu keiner überzeugenden Darstellung der Titelfigur: Ihre Ruth Wolff hebt nicht ab, man nimmt ihr den tiefen Fall nicht ab. Von den Neuzugängen besticht Zeynep Buyraç; ihr Meister-Intrigant Professor Roger Hardiman hat große Klasse.

"Die Ärztin" präsentiert sich als ambitioniertes Projekt. Das Burgtheater riskiert viel - mit durchmischtem Ergebnis. Es werden vorwiegend Gemeinplätze reproduziert, die am unteren Niveau des öffentlichen Diskurses zur Identitätspolitik angesiedelt sind. Auf diese Weise kommt die Debatte zum Erliegen.