Was ist das für eine Zeit, wenn wilde Männer mit mächtigen Bärten in die Hauptstadt einziehen und Frauen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben? Zugegeben, es könnte sich um die Taliban in Kabul handeln, und ja, die kommen im neuen Soloprogramm "Zeitgenosse aus Leidenschaft" von Thomas Maurer auch vor, aber in diesem Fall ein Irrglaube.

Kampf gegen Impfung

Maurers Zeitreise entführt nach Tirol ins Jahr 1809, wo die Tiroler Schützen mit Andreas Hofer gegen die Bayern in die Schlacht ziehen. Der Auslöser des Konflikts war - man mag es nicht für möglich halten - die Impfpflicht, gegen die sich die Tiroler mit Waffengewalt wehren. Denn auch wenn die von Orthopoxvirus variolae verursachte Seuche zu den ältesten Geißeln der Menschheit zählt, Pockenviren schon in Pharaonengräbern nachgewiesen wurden, so wurde die Impfpflicht gegen die "Blattern" als Eingriff des Menschen gegen Gottes Plan betrachtet. Nun ja, andere Zeiten, andere Sitten.

Apropos Sitten. Um die geht es in dem Kabarettprogramm ebenso. Die Sitten der Azteken und um Menschenopfer, Missverständnisse und religiöse Opfer, Traditionen und den Glauben an sich. Und um Zweifel, Schuld und die politische Korrektheit. Auch ein Maurer ist nicht gefeit vor Fehlern. Wer machte sich in den 70er Jahren nicht des "Blackfacings" beim Sternsingen schuldig? Das schlechte Gewissen plagt, aber zum Glück nur bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann geht nicht mehr. Doch was tun, gegen den Klimawandel, für Sprache, die alle Menschen abbilden soll, und die Abkehr von Süchten? Thomas Maurer hat Antworten, wirft Fragen auf, um dann ein breites Spektrum an Themen abzudecken.

Wenn die gute Stimmung auf Feiern einmal ein kleines Tief erlebt, helfen die Geschichten der Azteken. Rückblickend, so Maurer, könnte man schon einmal darüber nachdenken, ob deren kannibalistische Rituale um so vieles grausamer waren angesichts der 15.000 Menschenopfer, die der Bau des Fußball-WM-Stadions in Katar gefordert hat. Doch wer boykottiert, wer rebelliert? Der Mensch als lernendes Wesen und das Internet als Ort des Wissens - oder eben nicht. Menschenhaut und Leberkäse, Zigarettensucht und enges Schuhwerk, Bögen, die erst einmal gespannt werden müssen. Und es gelingt Maurer wunderbar.

Woke - ja, das muss man heutzutage sein. Und nur wer es ist, kann sich auch seiner Zuseher in den nächsten Jahrzehnten sicher sein. Ob der fliegende Penis von Jeff Bezos, der in den Weltraum flog woke ist, sei dahingestellt. Aber es könnte ja auch jemand eine Rakete in Form eines weiblichen Genitals in den Himmel schießen. Am Ende des Tages retten andere die Welt oder nicht oder vielleicht bald. Die Milliardäre vermutlich, die den Rest der Menschheit dann nicht nur als Konsumenten, sondern auch wieder als Sänftenträger brauchen.

Wenn das Geld regiert

Wie das Anthropozän aussieht, wenn der Baumeister der Schwager des Bürgermeisters ist, sieht man in Österreich in jedem Industriegebiet rund um Ballungsräume. Wenn die Stadt mehr Biodiversität bietet als das Land - was bietet dann das Land? Nackte auf Sträußen vielleicht.

Ein Kabarettabend wie er gehört. Keine platten, blöden und billigen Schmähs, sondern durchdacht und zum Nachdenken. So wenig Corona und Politik wie notwendig, weil es muss schon sein, anderenfalls würde etwas fehlen. Aber man kann es wunderbar machen, wie Maurer. Ein äußerst lustiger wie geistreicher Abend mit viel Applaus zur Premiere und dem Wissen, dass 2022 aus kabarettistischer Sicht jetzt schon gut ist und alles gut werden wird.